Vorbericht

Neue Presse Coburg vom 14.06.1997

Die Anarchie der Stürmer und Dränger


Jugendclub Landestheater Coburg bringt Stück von Fassbinder auf die Bühne/Ein Probenbesuch

Anarchie? Und das auch noch in Bayern? Was soll das ganze Theater? Ganz Einfach: Wachrütteln, Provozieren, Entlarven. Und wer trägt die Verantwortung für die Revolution über Nacht? Sechs von 16 Jugendlichen, die sich allesamt vor eineinhalb Jahren von einer Idee begeistern ließen: Für die Idee des Jugendclubs des Landestheaters Coburg. Bereits seit der Spielzeit 1995/96 besteht der Jugendclub "Sturm und Drang", der von Peter Molitor ins Leben gerufen wurde. "Ich bin mit meiner Idee in Coburg damals allerdings offene Türen eingerannt", erzählt er. Unter Molitors Regie soll nun nach Coline Sereaus "Hase Hase" das zweite Stück auf die Bühne kommen: "Anarchie in Bayern" von Rainer Werner Fassbinder feiert am 22. Juni 1997 in der Reithalle Premiere.

"Black Out", unterbricht eine Mädchenstimme aus dem Hintergrund die Ereignisse auf der Probebühne unter dem Dach der Reithalle. Durchatmen ist angesagt. Diesmal hat alles geklappt: Der Text saß, Mimik und Gestik paßte und Peter Molitor ist zufrieden. Mit verschränkten Armen steht er am Bühnenrand. Familie Normalzeit, Inbegriff des Biedermanns, darf sich ausruhen. Zeit für eine kurze Mittagspause - nachmittags um 15 Uhr -, Zeit für ein Zigarettchen. Seit 12 Uhr stehen die jungen Männer und Frauen an diesem Sonntag bereits auf der Bühne, wiederholen und wiederholen, proben und proben. Zweimal, dreimal, viermal die gleiche Szene. Die einen Spielen, die anderen beobachten. "Manchmal nervt es schon, aber wenn das Ergebnis hinterher paßt, ist alles wieder vergessen", kommentiert Sven Ruppert, selbst Amateurschauspieler und Dramaturg bei "Anarchie in Bayern", das "notwendige Übel" so kurz vor der Premiere.

Probenbeginn war bereits im Januar. Ein - bis zweimal die Woche traf sich die Gruppe. Doch jetzt, wo es ernst wird, die Anspannung steigt, muß noch mehr gearbeitet werden. Beim heutigen Probentermin heißt es für die "Stürmer und Dränger" open end.

Der Jugendclub setzt sich aus Schülern, Studenten, jungen Berufstätigen und Statisten des Landestheaters Coburg zusammen. Die jüngsten sind 15, der Älteste 24 Jahre. Gage gibt es keine. Neben ihrer Begeisterung für's Theater haben die 16 "Anarchisten" noch etwas gemein. Sie alle besitzen keine schauspielerische Ausbildung: "Laientheater ist es allerdings nicht", betont Peter Molitor. "Denn schließlich und endlich arbeiten wir hier unter professionellen Bedingungen. Amateur - Theater ist der bessere Ausdruck." Und was ist für ihn der besondere Reiz, mit Amateuren zu arbeiten? "Beim Jugendclub steht eine ganz andere Motivation dahinter. Während die jungen Leute ganz unverbraucht - offen an die Arbeit gehen, kommen Profis mir ihrem erlernten Handwerk, sind oftmals daadurch in gewisser Weise festgelegt." Im Amateurtheater hat Peter Molitor mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. So kommen für die Sturm und Drang Gruppe nur Stücke in frage, die eine große Besetzung zulassen - wie eben "Anarchie in Bayern", das am 14. Juni 1969 im Werkraum - Theater München seine Uraufführung hatte. "Die Schwierigkeit ist, alle 16 unter einen Hut zu kriegen", meint Peter Molitor.

Doch das allein war für ihn nicht der Grund, das Fassbinder - Werk in Coburg zur Erstaufführung zu bringen. "Ich habe das Stück bereits schon einmal inszeniert. Aber in Bayern gewinnt das Ganze noch einmal an Brisanz", betont er. Außerdem müßten sich die Leute erst einmal an die hierarchische Struktur des Theaters gewöhnen, so Molitor. Pünktlichkeit und Disziplin: Das ist nicht jedermanns Sache. "Doch das Problem löst sich meistens nach einer gewissen Zeit von alleine", berichtet der Regisseur. Im Laufe der Probenarbeiten entwickle sich eine Art Selbsterziehung, betont Molitor

Holger SChäfer, der die Theatermusik zur Coburger Inszenierung von "Anarchie in Bayern" geschrieben hat, und selbst Revoluzzer spielt, kann davon ein Liedchen singen. Während er noch auf seinen Döner wartet, geht es bereits weiter. "Ich hasse kalten Döner", meint er. Achselzuckend ergibt er sich in sein Schicksal und macht sich auf den Weg. Back to the Stage. Zusammen mit seinen Kollegen begutachtet er im Proberaum den Inhalt eines riesigen Kartons: ein Aschenbecher, Wein - und Biergläser, Sonnenbrillen - Requisiten vom Landestheater.

In der Zwischenzeit bauen flinke Hände das provisorische Bühnenbild ruck zuck um. Dann heißt es "Licht" und sechs Revoluzzer prosten sich an einem fiktiven runden Wirtshaustisch zu. "Jetzt ham' 'mer Revolution gemacht!" Und was kommt dann? Die Sozialistisch Anarchie Bayern (SAB) grübelt über radikale Veränderungen: Geld abschaffen, Kirche abschaffen... Die "Sechs Weisen" stimmen schnell über die Neuerungen ab, die ihr Vorsitzender alias Thorsten Roth noch einmal von der Liste zusammenfassend ablesen soll. "Also Thorsten, den Text mußt du unbedingt noch lernen", unterbricht Peter Molitor seinen Darsteller, der bei den elf Punkten der radikalen Veränderungen ganz schön ins Schwitzen kommt. "Das kann dir immer passieren, daß auf dem Zettel, den du vor dir hast, nichts steht." Thorsten nickt und grinst seiner Souffleuse zu. Und so heißt es: das Ganze noch einmal von vorne.

"Warum verziehst du denn jetzt denn dein Gesicht so?", hakt Peter Molitor ein und erklärt dem jungen Mann von der "neuen romantischen Liebe", wie er sich diese Szene genau vorstellt. Gut eine halbe Stunde laboriert der Revolutionsrat an seiner Sitzung, bis endlich das Okay von der Regie kommt.

Jetzt darf auch Holger Schäfer endlich nach draußen stürmen, um seinen - leider inzwischen schon kalten - Döner zu essen. Und drinnen, da läuft schon wieder die nächste Szene.

Brigitte Löffler




Top



Kritiken

COBURGER TAGBLATT vom 24.06.97

Spannungsvoll doppelbödig


Jugendclub präsentierte Fassbinders "Anarchie in Bayern" in der Reithalle

Den Alptraum nicht nur der konservativen Mehrheit im Freistaat malt das Fassbinder-Stück "Anarchie in Bayern" an die Wand. Die Jugendtheatergruppe des Landestheaters gab am Sonntag in der Reithalle eine fulminante Premiere im Rahmen der Bayerischen Theatertage.

In dem dramatischen Frühwerk des später als Filmemacher berühmt gewordenen Rainer Werner Fassbinder deutet sich sein gestalterisches Talent an. Sein Sinn fürs Bizarre, sein Faible für derbe, gar obszöne Darstellungen spiegelt sich in dem Werk wieder. "Jetzt hamse Revolution gemacht. Eine Anarchie in Bayern", das weckt die Urängste der Familie Normalzeit, einer bayerischen Mittelstandsfamilie. Man befürchtet den totalen Werteverfall, im schlimmsten Falle Verhältnisse von Sodom und Gomorrha. Und so kommt es auch in Peter Molitors Regie. Die "Roten" schaffen Arbeit, Ehe und Gott ab. Nichts gilt mehr. Das frühere Heimchen am Herd (Jessica Gronau) wird zur Nymphomanin, woran ihr Mann (Sven Ruppert) verzweifelt. Mutter Normalzeit, Sandra Dehler, muß mit ansehen, wie ihr alles entgleitet. Ihre Tochter Phönix, Britta Weber, wird Opfer einer Massenvergewaltigung, die sie in den Wahnsinn treibt. Eindrucksvoll hält die junge Amateurschauspielerin dem Publikum das erlittene Leid vor Augen.

Und da sind die "Roten". Der Revolutionsrat schafft eine Tradition nach der anderen ab. Obwohl Fassbinder sich selbst als "romantischen Anarchisten" sah, zeichnet er das Bild der Revolutionäre eher satirisch. Alte Gewohnheiten überstehen den Umsturz unbeschadet. Und so lassen sich die Revoluzzer auch von einer Türkin (Anna-Kathrin Berger) anstandslos bedienen. Tragende Rolle des Stückes ist der "Große Vorsitzende" (Thorsten Roth). Er stellt die ambivalente Figur eines Revolutionsführers dar, der den vertretenen Idealen selber nicht nachkommt. In einer Doppelrolle als Vater Normalzeit entpuppt er sich schließlich als pädophiler Kindermörder. Damit nimmt das unvollendet gebliebene Stück ein abruptes Ende.

Trotz der fordernden Thematik des Stückes packte es die Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute. Gelungene Musik-, Overhead- und sogar Filmeinspielungen sorgten für fließende Szenenübergänge und für so manchen Gag.

(...)

Christian Göller


Top



NEUE PRESSE, Coburg vom 24.06.97

Absturz in anarchischen Irrsinn


Jugendclub mit Fassbinder-Werk / Schwere Kost verdaut

Wie revolutionär darf Theater sein, das von jugendlichen Amateuren auf die Beine gestellt wird? Wie frech darf Theater sein, das im ach so konservativen Bayern spielt und auch noch über das ach so konservative Bayern herzieht? Wie provokant darf Theater sein, das der Jugendclub des Coburger Landestheaters in der Vestestadt bei den 15. Bayerischen Theatertagen zeigt? Grenzenlos oder gemäßigt?

Radikal wie Rainer Werner Fassbinders Stück "Anarchie in Bayern" selbst beantworten die 16 mehr oder weniger Noch-Jugendlichen die Frage am Sonntag abend in der ausverkauften Reithalle: "Jetzt ham‘se Revolution gemacht" - und Familie Normalzeit dreht durch. Szene an Szene, kein Handlungsstrang: ein Zeugnis des Chaos, der Dummheit und Verständnislosigkeit. Ein Zeugnis davon, daß es in einer "Sozialistischen Anarchie Bayern" kein Gut oder Böse, kein Klug oder Gescheit gibt. In Fassbinders Stück, das 1969 in München uraufgeführt wurde, steht die Entlarvung im Mittelpunkt: Der Schrei nach Freiheit verliert sich Ratlosigkeit. Was tun mit der neuen Freiheit? Was tun, wenn alte Regeln sich auflösen? Was ist Liebe, und was ist Gerechtigkeit?

Phönix Normalzeit alias Britta Weber verbrennt sich auf der Suche nach Antworten die weißen Flügel der Unschuld, steigt aus der Asche empor, um in den Wahnsinn abzustürzen - glaubhaft. Alte Regeln lösen neue ab.

Was am Anfang witzig beginnt, mit parodierter Bundeskanzlerrede und Einspielungen von O- Tönen aus dem Radio den Bezug zur Realität herstellte und als Persiflage auf Spießertum, Parteienwerbung und Revolutionsgeist durchaus zum Schmunzeln verleitet, verwandelt sich im Verlauf des Stücks zum Brocken, der den Zuschauern im Halse stecken bleibt.

Die Musik von Holger Schäfer, dessen Eigenkompositionen an die Vertonung der Brecht- Lieder von Kurt Weill erinnert, begleitet die unausweichliche Entwicklung: die Doppelrolle von Thorsten Roth, der Kindermörder und Großen Vorsitzenden zugleich perfekt verkörpert, erhält in der Schlußszene ihren Sinn. Die eindeutige Zuordnung löst sich auf: Was verbirgt sich hinter dem Biedermann, was hinter dem Anarchisten? Unterscheiden sie sich überhaupt? Das Scheitern ist für beide Parteien vorprogrammiert.

Das Wagnis von Regisseur Peter Molitor, Fassbinders Stück "Anarchie in Bayern" mit jungen Amateur-Schauspielern in Coburg erstmals aufzuführen, glückte. Die schwere Kost "Antitheater" wurde sowohl von Darstellern als auch von Zuschauern verdaut.

Nur derjenige wurde enttäuscht, der am Sonntag abend perfekt kopierte Wirklichkeit erwartete. Und so war es mutig, von den Regeln der Schauspielkunst zu lassen, mutig als Amateur, Amateur-Revoluzzer zu spielen. Mutig, Lächerlichkeit darzustellen: Denn wenn die "alte Romantische Liebe Männlich" (Sven Ruppert) und sein weibliches Pendant (Jessica Gronau) sich zum Fressen gern haben (ham-ham), dann enttarnt sich die standardisiert vorgetragene Liebeserklärung als abgedroschene Phrase.

Das Ensemble wirkte geschlossen - in Kraft der Darstellung und Pointierung: Als Frozzler unter Aufsässigen eindeutig identifizierbar: die neue Bürokratie, vertreten durch Thorsten Roth ; als wütende Verteidigerin des Kapitalismus: Mutter der Familie Normalzeit, alias Sandra Dehler. Szenenapplaus für engagiertes Auftreten einer Gruppe, deren Lust am Provokativen aufs Publikum übersprang. Und wenn Amateurhaftigkeit dann doch einmal auftrat, so tat sie dem Stück keinen Abbruch: Das Können der Darsteller entsprach der Rollenverteilung.

Brigitte Löffler




Top

Zurück