Vorbericht

Coburger Tageblatt Pfingsten 1999

Irgendwann macht es dann Klick

Der Jugendclub des Landestheaters verliebt sich diesmal in "Aphrodite"

Theaterluft schnuppern. Es ist ganz einfach: man spaziere zum Landestheater, postiere sich auf das Abluftgitter und atme ein. Da strömen sie ins vestestädtische Firmament-etwas muffig, staubig-nostalgisch. Der Duft von Bohnerwachs, ist das jener der Bretter, die die Welt bedeuten?

Mit Schnuppern ist es aber auch im Jugendclub des Landestheaters-dem Reich der schauspielernden Amateure-nicht getan, sie atmen die Theaterluft vielmehr ganz tief ein. Dankbarerweise steht aber zumindest die Hintertür der Reithalle auf. Etwaiger Mief kann sich so verflüchtigen, die Muse ins Innere, auf und hinter die Bühne schleichen und Küßchen verteilen.

Finaler Wirbelwind

Es ist Dienstag, 17.30 Uhr, und die Muse muß dann schon flott küssen, will sie ihr Ziel finden: Jarolaw Jurasz, Tänzer am Landestheater und für den Jugendclub Freizeitchoreograph, studiert mit dem 18 köpfigen Ensemble gerade die Tanzszene zum Finale von "Geliebte Aphrodite" ein. Noch trägt dieses später hoffentlich vielleicht flüssige Spektakel geradezu anarchistische Züge. Jurasz saust durch die langgewandete Schar, swingt Hauptdarsteller Sven Ruppert alias Lenny Weinrib alias Woody Allen etwas vor und gibt pointierte Kommandos. Hier, da und dort kommt ein Schritt zu spät, die Tanzbeine schwingen zögerlich, die Formation ist noch als wirbelndes Knäuel getarnt.

Wann bitte, ist nochmal Premiere? "Sonntag", sagt Peter Molitor, verantwortlich für die fünfte Inszenierung im vierten Jahr und für den gesamten Jugendclub sowieso. Und das soll bis dahin funktionieren? "Im Theater ist das immer so" bestätigt Hauptdarsteller Sven Ruppert, der, sonst als Regieassistent am Theater, der dem Schauspiel im Club gerade in den letzten Tagen vor der Premiere einen großen Teil seiner Freizeit opfert. Aus Peter Molitor spricht jahrelange Erfahrung: "Irgendwann macht es Klick, und dann klappt es." Muß ja.

Dennoch weiß er auch um die dramaturgischen Gefahren des Woody Allen Werkes: Komisch ist schwierig. Will laut Thorsten Köhler (Bühnenbild/Kostüme) heißen: "Es darf nicht gekünstelt klingen und muß trocken kommen."

Schon seit Wochen trocknet das Team die humorvollen Szenen also aus, kombiniert auch nach eigenem Gutdünken Wort, Musik, Gestik, Tanz, Showeinlagen. "Die Regieanweisungen beachte ich sowieso nie", sagt Peter Molitor. Und den filmischen Ursprung der "Geliebten Aphrodite" habe er sich bewußt noch nicht angeschaut. Woody Allens Charaktere seien ohnehin sehr genau ausgearbeitet, da drängt sich ein gewisser Stil schon auf. Doch Allen zu kopieren, das kann und will die Amateurriege zwischen 15 und 30 Jahren auch nicht leisten.

"Dafür, daß es Laien sind, schaffen sie wirklich Beachtliches." Peter Molitor

Freitag, 17.45 Uhr: Der Tumult in der Reithalle nimmt schon fast bedrohliche Züge an. Von alle Seiten stürmen die nun geschminkten und verkleideten Darsteller über die Bühne, suchen und richten die Requisiten, greifen nach ihren Masken, "Ey, für Dich ist doch auch ein Bart vorgesehen. Geh‘ schnell hoch in die Garderobe!" "Stop, das Arbeitslicht ist noch an! Meike, du kannst anfangen!" Pst. Leise.

Zum ersten Mal muß das Stück am Stück durchlaufen. Wettkampfbedingungen. Peter Molitor spart sich Kommentare. Doch der Bleistift kritzelt sich gnadenlos durch’s Skript. "Ich muß manchmal auch autoritär werden", sagt Molitor. Heute aber höchstens noch hinterher. Jetzt läßt er den Dingen ihren Lauf. Bis Ramona Petrov den direkten Weg zum Whiskeyglas sucht und dabei hinter einem Berg Geschenkpakete mitten durch den imaginären Sohn marschiert. "Kind ist tot!", schimpft Molitor.

In den Brunnen werden sie dennoch nicht fallen. Im Gegenteil: Das Spiel der jungen Amateure nimmt noch vor der Generalprobe zuweilen fast traumwandlerische Züge an. Vor allem Britta Claus verzaubert und vergnügt als quietschiges Sexfilmsternchen Linda Ash heute schon das erlesene Probenpublikum.

Sie will Schauspielerin werden

Britta ist auch das erste Mitglied mit professionellen Ambitionen. Sie will Schauspielerin werden. "Britta hat Talent. Das kann man sagen." Peter Molitor sagt ihr das auch ins Gesicht" weil er es ernst meint.

Doch als ehemaliger Schauspielschüler malt er Britta auch keinen Himmel voller Sterne. An einer guten Schauspielschule bewerben sich für acht bis zwölf Plätze weit über 1000 Talente. Die Karrierechancen sind minimal. Britta weiß das. Sie lächelt nur.

Doch mit einer halbherzigen Attacke geht es eben auch nicht. "Man muß jedesmal denken: Ich bin der Beste", sagt Peter Molitor. Auch wenn Britta im Gespräch still, bescheiden, fast ein wenig unscheinbar wirkt. Doch spätestens, wenn sie als naiver, strapaziöser Wirbelwind Linda Ash auf hohen Schuhen Sven Ruppert in die amouröse Ecke drängt, verraten es ihre Augen: "Ich bin die Beste."

- Oliver Götz -




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Kritiken


Coburger Tageblatt vom 25.05.1999

Nur ein bißchen Gott spielen

Jugendclub des Landestheaters wagte sich an Woody Allen

Zeus, inbrünstig angefleht, meldet sich per Anrufbeantworter. Hlife ist von ihm nicht zu erwarten. Jedenfalls nicht gleich. Der antike Chor in seinen wallenden Gewändern verzweifelt, alle Warnungen und Kommentare sind echt tragisch vergebens: Lenny Weinrib wird den Weg des Verhängnisses gehen - und im Bett von Linda Ash, Hure und Mutter seine Adoptivsohnes landen. Das mit Linda, sagt der naseweise Chor, das ist Hybris. Lenny spielt Gott.

Woody Allen spielt der seit 1995 bestehende Jugendclub des Landestheaters. Und das ist keine Hybris. Unter der einfallsreichen Regie Peter Molitors bietet diese begabte Laientruppe mit "Geliebte Aphrodite" einen vergnüglichen Theaterabend mit zum Teil erstaunlichen Schauspielerischen Leistungen. Begeistert aufgenommene Premiere am Pfingstsonntag im Coburger Theater in der Reithalle.

Die Bühnenadaption des gleichnamigen Filmes von 1995 kondensiert jene Mischung aus sarkastischem Wortwitz, verzweifelter Beziehungskistelei und Spaß an liebevoller Typenzeichnung, die dem New Yorker Komiker so eigen ist.

Die Coburger Truppe wagte sich mutig, konzentriert und gradlinig an Woody Allens streunende Phsychologisiererei. Peinlich hätte das werden können. Wurde es aber nicht. Sven Ruppert, als Regieassistent allerdings nicht gänzlich Theaterfremd, kopiert mit seinem gewitzten, sich irgendwie doch erfolgreich durchs Leben blinzelnden Versager Lenny Weinrib den sich stets selber spielenden Schauspieler Woody Allen - jedoch nur so weit, wie seine tatsächliche Darstellungskraft tatsächlich reicht. Er fuchtelt, stottert, fällt. Kein Zweifel, er ist der Boss, wie er Adoptivsohn Max (der kleine Till Oppel ganz souverän) versichert. Mami trifft nur die Entscheidungen.

"Mami", Amanda Weinrib, wird von Ramona Petrov gekonnt als die stets leicht genervte, überlegene Intellektuelle gespielt. Ein kleines Bravourstück liefert Britta Claus als wahrlich expressives Sexweib Linda Ash, zu deren Seele Lenny sich durchbohrt. Eine klasse Nutte.

Eine zentrale Partie nimmt der griechische Chor mit dem prägnanten Timo Knauer als Chorführer ein. Julian Lang, Alexandra Baudler,Rilana Hofmann, Andreas Flack, Amelie und Marie v. Grundher, Christiane Knorr und Andreas Lösch, zum Teil in Sonderrollen witzig hervortretend, agieren homogen und straff, ironisieren das Geschehen und spielen penetrant, aber wirkungslos Gewissen. Spannend, sehr spaßig, einschließlich des mit quellenden Därmen exakt wie Thomas Lackner in der Coburger "Medeia" verröchelnden Boten (Amelie v. Grundher)

Auf rundem Bühnenpodest, an die Orchetra des griechischen Theaters erinnernd, mit variablen Vorhang und schnell geräumten Requisiten (geschicktes Bühnenbild: Thorsten Köhler) steigert sich die flotte Szenenfolge bis zur furiosen, allenfalls eine Spur plumpen Broadway-Schlußshow. Im übrigen: Ist das Leben nicht voller Ironie? (...)

- Carolin Herrmann -




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Neue Presse Coburg vom 25.05.1999

Lenny denkt, Zeus lenkt

Jugendclub amüsiert mit Woody Allens "Geliebter Aphrodite"

"Hybris!" raunen die Götter, "Unheil!" kräht Kassandra. Zeus sei dank, sie unken fehl: Am Ende fügt sich doch noch alles happy und im fidelen Finale zerstiebt unter heftigem Applaus der grämliche Zweifel, ob das denn nun ein guter Griff... und was wohl Woody Allen... -hinfort, Kassandra: "When you're smiling, the whole world smiles with you!"

Korrekt. Und Grund zum Lächeln gibt's genug an diesem Theaterabend: Schließlich hat sich der Jugendclub des Landestheaters in seiner vierten Spielzeit einen der begnadetsten Komödianten seit Croucho Marx vorgeknöpft: Woody Allen. Seine "Geliebte Aphrodite" auf die Bühne stemmen zu wollen, ist nicht gerade ohne: Der Film, gerade vier Jahre jung, ist allseits frisch in Erinnerung, und seine Stimmung lebt nicht unbedingt von einem ausgeprägten Spannungsbogen, sondern weithin von Allens Aura und dem oscarprämierten Naivchencharme seiner Filmpartnerin Mira Sorvino. Da muß der Wortwitz purzeln und die Konversation flutschen

Peter Molitors junges Amateurteam hat Chuzpe genug, sich davon nicht weiter einschüchtern zu lassen und die eigenen Trümpfe forsch zu zücken. Mit Talent, Spielfreude, Ideen und Enthusiasmus bringen sie eine amüsante, mit Slapstick, Tanz und Musik aufgepeppte und (so weit es der häufige Szenenwechsel erlaubt) flotte Version von Jürgen Fischers deutscher Bühnenfassung auf Thorsten Köhlers "antikes" Reithallen-Podium. Bei dessen vielfältigen Wandlungen obliegt dem multifunktionalen Griechen-Chor eine wahrlich tragende Rolle: Flugs arrangieren die Toga und Bedenkenträger aus ein paar Möbeln die zahlreichen Handlungsorte der New Yorker Odyssee, durch die sie ihren Helden Lenny als dauerpräsentes und reichlich unbequemes Über-Ich begleiten. Es fliegen schon mal die Fetzen, wenn die Lemuren mit dem dynamischen Chorführer Timo Knauer an der Spitze ihrem Lenny die Leviten lesen, der Bote (hochdramatisches Solo für Amelie v. Grundher) mächtig mahnt.

Dazu besteht auch aller Anlaß, denn der introvertierte Lenny trudelt zielstrebig in ein Anbenteuer, dem er so wenig gewachsen scheint wie seinen Sakkos - und Hauptakteur Sven Ruppert läß ihn mit subtiler Komödianten-Power so listig-linkisch und selbstironisch durchs Schicksal stolpern, wie es sich sich für eine echte Allen-Figur gehört.

Weil er zu gerne wissen möchte, wem sein Adoptivsohn Max (den der fünfjährige Till Oppel hinreißend cool auf die Bühne bringt!) seine prächtigen Gene verdankt, recherchiert der Sportjournalist Lenny in eigener Sache - und stößt ausgerechnet auf das dümmliche Callgirl Linda. Das Ende der Suche ist der Anfang der Probleme: In ihrer edlen Einfalt ist die warmherzige Liebesgöttin (köstlich-komisch: Britta Claus) das rechte Gegenteil zu Lennys spröder Gattin Amanda (Ramona Petrov als toughe Karrierefrau), und so bleibt die Liaison der Loser weder platonisch noch folgenlos. Aber aussichtslos, weshalb sich Lenny redlich müht, die nette Nymphe an den rechten Mann und mithin auf den Pfad gutbürgerlicher Tugenden zu bringen. Zeus ist zwar gerade nicht erreichbar, doch hört er wohl seinen Anrufbeantworter ab - und so findet die Geschichte, "so griechisch und zeitlos wie das Schicksal selbst", denn doch noch ihr ironisches Happy-End, das die Jugendclub-Crew mit Jaroslaw Jurasz choreographischer Unterstützung schwungvoll zelebriert. (...)

- Dieter Ungelenk -



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