Kritiken

Coburger Tageblatt vom 09.Juli 2002

Was sie Liebe nennen

Dea Lohers skurriles Blaubart-Stück in der Reithalle in einer experimentierfreudigen Co-Produktion

Bis dass der Tod sie scheidet... Für Experimente sind der profilierte Jugendclub des Landestheaters und erst recht der anspruchsvolle Verein Cross Art immer gut - Experimente gelegentlich auch an der Grenze der eigenen M%ouml;glichkeiten. Das eben macht das Spannende dieser mittlerweile fest ins Reithallen-Programm integrierten Produktionen aus. Diesmal wurde es - in enger Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Landestheaters Coburg - ordentlich mörderisch mit Dea Lohers "Blaubart - Hoffnung der Frauen". Gelungene Premiere am Sonntagabend.
Die 1964 geborene, bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin spielt in diesem per Improvisation entsandenem Stück in einer gewagten Gratwanderung zwischen frei fliegender Poesie und desillusionierter Groteske mit dem uralten Thema: Die unerfüllbare Sehnsucht der Menschen, hier vor allem der Frauen, die stets nur in den m&ouuml;rderischen Kampf der Geschlechter führt. Alle erwarten sie, dass die Liebe groß ist.
Heinrich, Schuhverkäufer im eher kleineren Geistigen Format ergeben sich eine Reihe von Frauenmorden vielmehr, als dass er wirklich töten wollte. Oft genug warnt er die Frauen nachdrücklich. Doch die projizieren hartn%auml;ckig ihre Träume in dieses traurige, ängstliche Männlein.
Gelegenheit für eine Serie skurriler Begegnungen zwischen lastender Bühnenstille und -schwärze und mit wenigen Effekten herbeigezauberten stimmungsvollen Szenerien. Das Programmheft nennt mit Timo Kauer ein umfangreiches Leitungsteam als verantwortlich für das knapp zweistündige nuancenreiche Theaaterspiel: Sven Ruppert, Kathrin Skiba, Sebastian Grünewald, Renate Groß, Josefine Richter Gabriele Keller; und Steffen Popp untermalt dazu die Szene am Synthesizer minimalistisch tickend oder schwermütig dräuend. Die Pressspankästen - Särgen ähnlicher als Parkbänken - im sparsamen Bühnenbild sind von Szene zu Szene leicht verändert; aller Effekt ist aufgehoben für das wunderbar blau irisierende Schlussbild.
Peter Molitor schlurcht als irritierter Heinrich Blaubart und gebeugt von der Last der an ihn herangetragenen Wünsche von Frau zu Frau und kopfschüttelnd von Leiche zu Leiche. Die unterschiedlichen Weiblichen Typenausformungen bieten eindrücklich Claudia Thieße, Kerstin Kroner, Kilu von Prince, Lisa Wegener, Isabell Wurzberger und, im reizvollen Kontrast zu den Laiendarstellern, Petra Gruber aus dem Sängerensemble des Landestheaters. Den Gegenpol stellt Julia Biskupek in der mythischen Rolle der Blinden, die gerade in ihrem Gefangensein mehr sieht als alle anderen. "Ich töte die Liebe und das Verlangen danach. - Einmal nur den Himmel sehen..." Und selbstverst&aundlich bleibt auch hier - Sehnsucht.

Carolin Hermann

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Neue Presse, 09. Juli 2002

Cross Art und Jugendclub zeigen "Blaubart"

Frauenmörder in steriler Kunstwelt

Coburgs Kulturinteressierte einer Herausforderung namens anspruchsvolles modernes Theater auszusetzen ist das Anliegen des Vereins Cross Art. Also Stücke auf die Bühne zu bringen, die in ihrer formalen Anlage künstlerische Spielarten des Heute Zelebrieren. "Blaubart - Hoffnung der Frauen" heißt die neue Inszenierung der "jungen Wilden" unter Coburgs Theaterschaffenden - eine Arbeit der jungen deutschen Starautorin Dea Loher über die dialektische Wirkung von Liebe und Gewalt, 1997 am Münchner Residenztheater uraufgeführt. Premiere war am Sonntag Abend in der nicht ganz ausverkauften Reithalle.
Lohers Stück erzählt von einem Mann, der - zur Liebe nicht fähig - sechs Frauen ermordet, die ihm verfallen sind. Wobei "erzählen" das falsche Wort ist, denn in Lohers postmoderner Non-Dramatik existiert weder ein Spannungsbogen, noch kann von einem Plot, einer Handlung die Rede sein. Die Sprache ist das alleinige Transportmittel, mit dem Loher die für eine 45-minütige Aufführung nötigen Qeuerverbindungen zwischen den Figuren, den Geschichten hinter der Oberfläche der Morde, den zeitlichen Ebenen schafft. Lohers sterile Kunstwelt, durch absurde und gestelzte Dialoge nach aussen hin abgedichtet, ist ein Sinnbild für die Langeweile der 90-er Jahre. Die Inszenierung von Cross Art, die in Zusammenarbeit mit dem Jugendclub des Landestheaters und dem Landestheater entstanden ist, folgt dem mit einem spartanischen B¨hnenbild, das den Raum des Geschehens nur andeutet. Ein paar Holzwürfel, mehr gibt es auf der Spielfläche nicht. Im Hintergrund wabert eine Nebelwand, in der sich die ermordeten Frauen nach und nach aufreihen. Wie das Dasein der acht auftretenden Figuren, die allesamt Singles sind, so generiert sich auch das Stück selbst als reiner Selbstzweck. Der Ernst des vordergründigen Themas, der Amoklauf eines Frauenmörders, versinkt hinter einem Berg aus hanebüchenem Sprachwitz und Wortklamauk.
Rein sprachlicher Natur ist das Motiv für den ersten Mord. Julia sagt, dass ihre Liebe zu Blaubart so groß ist, dass sie für ihn sterben würde - worauf sie sich zum Beweis vergiftet. Blaubart wiederum geht davon aus, ihr Mörder zu sein, da er sich von ihr lieben ließ. Wie die Frauen, so vermag auch Blaubart, der als gagreiche Anspielung auf die 90-er Kult-Soap "Eine schrecklich nette Familie" Schuhverkäufer ist, sein Bedürfnis nach menschlicher Wärme nicht zu artikulieren. Aus dem Unvermögen, ein Zuviel an Zuneigung durch ein "Nein" zu verbalisieren, ergeben sich die fünf weiteren Morde von selbst.
"Blaubart - Hoffnung der Frauen", ein radikales, komplexes Stück und der Schlußapplaus bewies, dass die Coburger auch für Theaterabende zu begeistern sind, die kantigeres bieten als Goethe und "Rosenkavalier". Fast frenetisch feierte das Publikum die acht Schauspieler sowie Tonmeister Steffen Popp, der zu Anfang Speiseeis auszurufen hatte. Und das, obwohl das Team mit Lohers Stück eindeutig überfordert war. "Blaubart", 1997 als Work-in-Progress quasi erst während der Proben entstanden und auf das hochkarätige Ensemble des Münchner Residenztheaters zugeschnitten, ist ein Bravourstück für sechs Schauspielerinnen - jene, die Blaubarts Opfer verkörpern. Während Peter Molitor als Blaubart und Julia Biskupek als einzige widersacherin und blinde Kommentatorin ihre Rollen im Griff hatten, gelang es den sechs anderen nicht, den extremen typisierungen einer Obdachlosen, einer Prostituierten, einer Depressiven und einer liebeshungrigen siebzehnjährigen gerecht zu werden. Das verwundert freilich nicht bei den an sie gestellten Anforderungen. Blaubarts sechs Opfer spielten naiv und zaghaft, hätten aber straight und in ihrer Überzeichnung auf den Punkt genau zugespitzt sein müssen.
Aber auch in anderem vermag die Inszenierung Dea Lohers formaler Radikalität nur unkonsequent zu folgen. Zu groß wirkt das Ungleichgewicht zwischen abstraktem Bühnenbild und konkreten Requisiten, zu bildlich kommt die Musikcollage daher, zu angestrengt häufig wechselt das Licht. "Blaubart - Hoffnung der Frauen", ein gerade wegen seinere Komplexität geniales Stück - mit dem sich der sonst so erfolgreiche Cross Art e.V. leider schlicht übernommen hat.


Martin Droschke

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