Kritiken

Coburger Tageblatt vom 24.Juni 2000

Turbulent von Pointe zu Pointe

Jugendclub des Landestheaters mit Derek Benfields Farce "Flying Feathers" in der Coburger Reithalle

Das Leben ist eine endlose Kette munterer Missverständnisse. Nichts ist das, was zu sein scheint. Der Pfarrer ist kein Pfarrer, die Stubenmädchen sind keine Stubenmädchen, und der Traum vom erholsamen Urlaub, den Polizeiinspektor Henry Potterton und seine Schwester Sarah im Hause ihres verstorbenen Bruders verbringen, wird zum Alptraum grotesker Verwicklungen. In Derek Benfields Farce "Flying Feathers" verschwinden echte Anwälte und falsche Pfarrer wahlweise in Schränken oder Wäschekörben, erleben totgeglaubte Fensterputzer ihre wundersame Auferstehung, jagt eine turbulente Szene die nächste.

Benfields Farce ist mithim ein wirkungsvoll lärmendes Stück ohne allzuviel Tiefgang - Material für einen kurzweiligen Theaterabend, mit dem der (einst in der kurzen Intendanz Karin Heindl-Laus initiierte) Jugendclub des Landestheaters sein fünfjähriges Bestehen feierte. Regisseur Peter Molitor setzt dabei mit Recht von Anfang an vor allem auf Tempo, sucht nicht nach subtiler Hintergründigkeit, wo kaum maskierte Zweideutigkeit gemeint ist und sorgt für ein stets flinkes Verwechslungsspiel, das den jungen Darstellern eine Fülle dankbarer Aufgaben beschert.

So darf Hannes Horneber als Henry Potterton einen etwas begriffsstutzigen Inspektor geben, der hartnäckig ahnungslos durch diese Farce stolpert und dabei seine Doppelrolle (auch als Henrys vermeintlich verstorbener Zwillingsbruder Bernard) mit effektvollem Bühnenleben zu füllen weiß. Britta Claus als seine ein wenig exzentrisch-naive Schwester Sarah, aber auch Gizla Karaali als Nora Winthrop, die aus dem ruhigen Landsitz Bernards ein florierendes Haus mit zweifelhaftem Ruf gemacht hat, setzen in wirkungsvoller Weise auf eine Darstellung mit bewusst karikierender Übertreibung.

Als falscher Pfarrer Roger Featherstone, der seine leiblichen Gelüste in schwarzer Robe spazieren führt, erntet Sven Ruppert ebenso wiederholt Szenenapplaus wie Timo Knauer, der als Rechtsanwalt Mr. Tunnicliffe lautstark karikierend agieren darf. Julian Lang als vermeintlich zu Tode gekommener Fensterputzer sowie Ramona Petrov, Anne Wittmann, Kathrin Skiba und Kerstin Kroner vervollständigen am Premierenabend das höchst spielfreudig und konzentriert agierende Ensemble, das Regisseur Peter Molitor in Lukas Nolls stilgerechtem Einheits-Bühnenbild mit sicherer Hand führt.

Jochen Berger






Neue Presse, Samstag, 24. Juni 2000

Verwirrspiel im Freudenhaus

Jugendclub zeigt in "Flying Feathers" Komödiantenpower

Von Ein Bankdirektor flieht auf dem Rad des toten Fensterputzers, der entsteigt derweil dem Wäschekorb; ein verschnarchter Advokat kauert whiskyselig im Kleiderschrank und vier Gunstgewerblerinnen mutieren zu Stallmägden. Panik im Provinz-Puff - und die Queen grinst sich eins. Damit ist sie nicht allein: Ein Superjux ist diese schräge Briten-Farce von Derek Benfield, mit der der Jugendclub des Coburger Landestheaters zur Feier seines fünfjährigen Bestehens noch eins drauflegt. Vor sieben Wochen erst brachten die Nachwuchs-Mimen eine fabelhafte Inszenierung von Paul Rudnicks Tragikomödie "Jeffrey" auf die Studiobühne. Boten sie mit dieser zartbitteren Romanze über Lust und Liebe in den Zeiten von Aids reichlich Knabberstoff für Kopf und Gemüt, so darf das Publikum sich über die hanebüchenen Verwirrungen in "Flying Feathers" (in Deutschland besser bekannt unter dem Titel "Ein Zwilling kommt selten allein") vorbehaltlos amüsieren.

Sicher: Autor Benfield und sein Übersetzer Wolfgang Spier karikieren süffisant doppelte Moral und britische correctness, und ihre Figuren müssen mächtig Federn lassen - doch Hintergründelei ist nicht im turbulenten Spiel. Also setzen Regisseur Peter Molitor und sein Ensemble alles auf die Spaßkarte - und zücken nonstop ihre Komödianten-Trümpfe. Rasant geht die solide gebaute Verwirrungs- und Versteckkomödie über die Bühne, köstlich eskaliert die Konfusion, die Dialoge flutschen und die Pointen zünden - ein rundes Vergnügen.

Der Spaß nährt sich natürlich nicht unerheblich aus Schadenfreude, denn Besucher und Belegschaft des beschaulichen Provinz-Bordells (dessen Salon Lukas Noll hüsch bieder ausgestattet hat) geraten ordentlich in die Bredouille, als unvermittelt Henry uns Sarah auftauchen, die arglosen Geschwister des verblichenen Besitzer des zum Sündenpfuhl verkommenen Landgutes. Flugs werden Liebesdienerinnen zu Landeiern, und um ein Haar gelänge es der resoluten Hausherrin Nora, ihre ungebetenen Gäste von der Seriosität ihres Etablissements zu überzeugen - wäre da nicht obendrein ein Scheintoter zu entsorgen, ein brünstiger Scheinpfarrer zu bändigen und ein dusseliger Rechtsanwalt zu verstauen. Als auch noch Bernard aufersteht, Eigner des Hauses und Henrys Zwillingsbruder, ist das Chaos perfekt.

Im Epizentrum schaltet, waltet und rotiert Nora Winthrop, Chefin der Rotlicht-Farm: eine Bombenrolle für das komödiantische Kraftpaket Gina Karaali. Schon in "Jeffrey" demonstrierte sie kurz aber nachhaltig ihr Comedy-Talent; nun zieht sie als drakonische Puffmutter am Rande des Nervenzusammenbruchs sämtliche Komik-Register, auf dass die Federn fliegen - zum Schlapplachen!

Ein überaus ulkiges Geschwister-Gespann geben Hannes Horneber und Britta Claus als Henry und Sarah POtterton ab: Derweil Knickerbocker-Henry, der stramme, massiv monarchistische Inspektor, wenig kriminalistischen Spürsinn beweist, entwickelt sein altjüngfernliches Schwesterherz unter beträchtlichen Sherryeinfluss erstaunliche Lebensoffenheit. Höchst witzig gerät Sven Ruppert als vom Triebstau schwer gebeutelter Roger Featherstone zwischen die Fronten des Freudenhaus-Fiaskos, und Timo Knauer macht als jämmerlicher Jurist Mr. Tunnicliffe wahrlich eine 2gute Figur". Leicht beschürzt und schwer verdattert verfolgen Polly (Kilu von Prince/Anne Wittmann), Debbie (Rilana Hofmann/Ramona Petrov), Jackie (Lisa Fischer/Kerstin Kroner) und Sally (Kathrin Skiba), die Damen des Hauses, den Tumult mit professioneller Lässigkeit.

Der rauschende Applaus zum pfiffig inszenierten "Abspann" des vergnüglichen Abends wird sich in der Reithalle gewiss noch viermal wiederholen: am 24., 25., 27. und 30.Juni.


Dieter Ungelenk

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