Kritiken

Coburger Tageblatt vom 27.Mai 2002

Lügen, Hass und dunkle Geheimnisse

Jugendclub des Landestheater: Erstaufführung "Das Fest"

Familienfeste können etwas Wunderbares sein - oder etwas Furchtbares. Zu welcher Kategorie dieses Fest zählt, ist verzweifelt deutlich längst bevor der Alkohol zu Tisch gebeten wird, um die Zungen der feiernden Runde zu lösen. Dabei wünschen sich doch alle eigentlich nur ein fröhliches, ein heiteres, ein unbeschwertes Lied.
Doch das Lied, das dann erklingt, ist ein garstiges, ein wütendes, ein tottraurig-hoffnungsloses Lied. Von inzestuösem Kindesmissbrauch und Selbsmord singt es, von dem verzweifelten Versuch, die Wahrheit durch Verschweigen zu verscheuchen.
Bohr Hansnens Bühnenfassung von Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs Film "Das Fest" gerät in der Coburger Erstaufführung durch den Jugendclub des Landestheaters trotz großer Besetzung mit einer kaum überschaubaren Schar an Mitwikenden zu einem Kammerspiel mit beachtlicher Intensität. In der gemeinsamen Inszenierung von Peter Mplitor und Sven Ruppert wird fast die gesamte Reithalle zum Bühnenraum, wird schon die Ankunft der Festgäste durch das gleichsam Spalier stehende Publikum zum wirkungsvoll gestalteten Auftritt. Denn schon nach wenigen Sätzen ist klar, wohin des langen Tages Reise führen wird - mitten hinein in ein beklemmendes Dickicht aus Lügen und verdrängter Wahrheit,aus mühsam gewahrter Konvention und kaum noch im Zaum zu haltender Aggression.
Linda (Claudia Potzka), die Schwester von Christian, Michael und Helene ist jüngst verstorben. Doch jetzt gilt es, in der versammelten Fröhlichkeit den 60. Geburtstag von Vater Helge zu feiern. Und so kommen die Geschwister - Sven Ruppert als Christian, Sebastian Grünewald als Michael, Katharina Häs als Helene - ebenso angereist, wie die Großeltern (Andreas Lindemann als Großvater, Kerstin Kroner als Großmutter) werden auch die Dienstmädchen (Hannah Shilling, Julia Leicht, Anne Wittmann) und der Koch (Simon Klüpfel) hineingezogen in diesen scheinbar unentrinnbaren Strudel aus Hass und Verzweiflung, Lügen und Abscheu.

Unaufhaltsam Konsequent

Allzu lange schon haben alle geschwiegen, haben die Augen verschlossen vor dem, was sie nicht sehen, nicht erkennen wollten. Doch nun lässt sich dieser Schrei der Wut, der Verzweiflung und des Ekels nicht länger unterdrücken. Und so wird aus Christians Geburtstags-Ansprache für seinen Vater eine in scheinbar lapidarem Tonfall vorgetragene Anklage.
Der Vater, der Schänder der eigenen Kinder, der Biedermann ein Triebtäter? Noch wehren sich die Gäste dieses Festes dagegen, dieser wie ein Fehdehandschuh in die Runde geworfenen Anklage zu glauben, noch versuchen Helge, der Vater (intensiv, aber ohne Übertreibung in der Darstellung: Timo Knauer) und Else, die Mutter (Kilu v. Prince), der Wahrheit zu entfliehen und Christian als Störenfried zu denunzieren.
Doch mit unaufhaltsamer Konsequenz bewegt sich das Stück auf seinen Kollaps zu, auf jenen Punkt, an dem das auf Lug und Trug gegründete Gebäude familiärer Geborgenheit krachend in sich zusammenstürzt.
Dabei versteht es die gemeinsame Inszenierung von Peter Molitor und Sven Ruppert (der auch darstellerisch nachdrückliche Akzente setzt) mit dem geschickten Einsatz einfacher Mittel Spannung zu erzeugen, mit klug eingesetzter Lichtregie in der ohne Kulissen auskommenden Austattung immer wieder neue Räume zu schaffen und gleichsam im raschen Wechsel von Solo- und Gruppenbildern kontrastierend Spannung zu erzielen.
Dabei beeindrucken die jungen Darsteller - unter ihnen auch einige Mitglieder von Cross Art sowie des Coburger Kinder- und Jugendtheaters - durch ebenso konzentriertes wie engagiertes , zudem stets rollengerecht wirkendes Spiel.
Das Publikum in der Reithalle dankte jedenfalls mit ausdauernd begeistertem Beifall für eine überaus ambitionierte und gelungene Coburger Jugendclubpremiere.

Jochen Berger

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Neue Presse, Samstag, 27. Mai 2002

JUGENDCLUB DES LANDESTHEATERS INSZENIERTE DAS FEST

Höchst schauriges Sippenpanorama

Herbes Stück über Missbrauch und Verdrängung auf der Coburger Studiobühne in der Reithalle

Puh. Aufatmen nach 100 Minuten. -nicht etwa, weil sie's mal wieder gepackt haben - Darum muß man beim Jugendlub des Coburger Landestheaters kaum bangen. Erleichterung, weil der Knoten geplatzt ist, der Dämon vertrieben, der auf dieser Familie lastete, die wir hier kennen und fürchten gelernt haben, und auf diesem Fest, an dem wir teilhaben.
Und zwar von Anfang an: So recht im Sinne des cineastischen Reinheitsgebots "Dogma 95", dem sich die dänischen Autoren der Filmvorlage Thomas Vinterberg und Mogens Rukov verpflichtet haben, arrangieren auch die Jugendclubregisseure Peter Molitor und Sven Ruppert dieses "Fest" in der Reithalle (nach Bor Hansens Bühnenfassung aus dem Jahr 2000).
Schon im "Vorspann" - sprich Foyer - konfrontieren sie uns beim Defilee der Festgäste hautnah und lebensecht mit den Figuren der Geschichte: Bedrückt nähert sich Christian (Sven Ruppert) dem elterlichen Landhotel, dröhnend poltert sein jüngerer Bruder Michael (Sebastian Grünewald) herein - statt Wiedersehensfreude mit Schwester Helene gibt's gleich Zoff zwischen den Geschwistern, die Vaters 60. Geburtstag zusammen führt.
Da liegt was in der Luft. Sonderbar entseelt, angestrengt aufgeräumt wirkt die Festtagsrunde, die sich um die piekfein gedeckte Tafel schart. Herzlichkeit ist hier nicht zuhause, man flüchtet in Smalltalk und Rituale.
Daß mehr als nur geläufige Beziehungslosikeit hinter der geleckten Tristesse steckt, wird noch vor dem Hauptgang offenbar: In seiner Laudatio eröffnet Sohn Christian, was ihn in die Flucht trieb und seine Zwillingsschwester Linda in den Selbstmord: Beide wurden vom Vater als Kinder sexuell missbraucht, immer und immer wieder. Christian schreit es nicht heraus; im Anekdotenton bricht er das jahrzehnte lange Schweigen.
Eine Bombe, möchte man meinen, doch der Panzer dieser Familie hält viel aus. Versteinerte Minen, betretene Stille zunächst - doch dankbar nutzt die Festversammlung Opas (Andreas Lindemann) senile Scherze und Toastmaster Helmuts (Constantin Hirsch) servile Smartheit, um zur Tagesordnung zurückzukehren. The Show must go on. Aber Christian lässt nicht locker, so schwer es ihm auch fällt - ein Machtkampf beginnt.
Und der macht diesen Abend spannend und nimmt der Auseinandersetzung mit dem Verbrechen Missbrauch das Beklemmende, Strategien der Verdrängung, Schutzmechanismen wider die Wahrheit werden am Beispiel der Klingenberg-Hansens durchexerziert, krass, komprimiert, zugespitzt, doch nüchtern, ohne grimmige Ironie.
Geradezu lehrstückhaft wird die Familienbande seziert: Auf jede Bedrohung der betonierten Heile-Welt -Fassade reagiert der Clan mit gespenstischer Solidarisierung. Nicht nur Christian kriegt das zu spüren, auch Gbatokai (Bobby Phillips), Helenes Freund, aktiviert allein durch seine Hautfarbe das gnadenlose kollektive Abwehrsystem.
Konzentriert und stilsicher setzen die 23 (!) Jugenclubdarsteller/innen (unter ihnen einige Gäste des Kulturvereins "Cross Art e.V." und des Coburger Kinder und Jugenstheaters) dieses schaurige Sippenpanorama in Szene, und bleiben dabei immer hart am puristischen "Dogma": Realismus ist gefragt, Illusion verpönt. Musik nur live, sparsam und etwas schräg, Licht nur als Mittel, um Handlunsorte zu markieren, Dekoration aufs Notwendige beschränkt: Ein Hotelbett am Rande und die kreuzförmige Festtafel im Zenrum des Geschehens. Stilvoll ist sie bestückt (dank Leihgaben der heimischen Gastronomie) nach allen Regeln serviert das Dienstmädchengeschwader echte Kulinarien (aus der benachbarten "Künstlerklause). Nur der Wein ist wohl Attrappe, wie die Präzision der Szenenfolge und die darstellerischen Leistungen vermuten lassen.
Unter Ausnutzung aller Reithallenmöglichkeiten führt das Regie-Duo sein jugendliches Ensemble souverän und flott durch das pausenlose Drama. Daß es dabei zuweilen ein wenig hastig zugeht, Entwicklungen zu wenig Raum erhalten, mag dem Premierenfieber anzulasten sein - und ist mit dem "dogmatischen" Prinzipien durchaus vereinbar.
Eindringlich gerät vor allem die Darstellung des - verbliebenen - Geschwistertrios: In der Rolle des um den letzten Akt der Bewältigung des Traumas ringenden Christian lässt Sven Ruppert spüren, welche Zerstörung nicht nur der Missbrauch durch den Vater bedeutete, sondern auch der Verrat durch die Mutter, die wusste und schwieg. Mit emotionaler Wucht zeigt Sebastian Grünewald als labiler, cholerischer Michael, wie der jüngere Bruder indirekt zum Opfer wurde: Ins Internat abgeschoben blieb ihm väterliche Gewalt wohl erspart, doch aus dem Gefühl des Ausgestossenseins heraus kämpft er verzweifelt um Anerkennung und klammert sich panisch an die Vision einer intakten Familie.
Als Gegenpol charakterisiert Katharina Hüs die introvertierte Tochter Helene, die die Tragödie geahnt haben mag, Schutz im Rückzug suchte und mit leisen Tönen um Harmonie fleht.
Vater Helge, der Täter: keinen vordergründig monströsen Tyrannen macht Timo Knauer aus ihm, sondern ein trübes, biederes Seelenwrack, gefühlskalt hinter der honorigen Fassade, zu Schuldbewußtsein nicht im Stande.
Als kühl-kultivierte Familienmanagerin wacht Gattin Else (Kilu v. Prince) an seiner Seite &uumml;ber die Wahrung der Etikette und der Tabus - fast bis zuletzt.
Ohne Hilfe von außen ist solch ein starres System aus Macht und Angst, Lüge und Konvention wohl nicht zu knacken. Und so ist es letztlich an Kim, dem Koch (Simon Klüpfel), Christians Befreiungsschlag durch "flankierende Maßnahmen" zu unterstützen.
Kräftiger Beifall am ausverkauften Premierenfreitag für das engagierte Spiel der jungen Crew. [...]


Dieter Ungelenk

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