Vorberichte

Coburger Tageblatt vom 29.06.1996

Theater aus tiefster Seele


Ausflug in eine Welt außerhalb aller Fugen

"Fledermaus 2. Akt", steht in schwungvoller Schrift auf der Rückseite eines Kulissenbauteils. "Nr, 7 der Elektrawände" fügt sich daneben in das Hufeisen von Bauteilen, welches sich um einen Tisch und ein paar Stühle auf einer provisorischen Bühne legt. Theaterluft.

Ein paar Minuten Probenstimmung, und man kann es nachfühlen, warum es manch einen packt - das Theaterfieber - und nie wieder losläßt. Schlag auf Schlag jagen Sätze durch den Raum. Die Bretter, die so viel bedeuten, wummern unter stampfenden Schritten. Probenflair.

Irgendwo steht einfach eine Tür mitten im Raum, die wackelt, wenn einer kommt oder geht, weil sein Stichwort das erforderlich macht - und aus einem alten Koffer quellen Kostüme über die Atrappe einer Maschinenpistole, die wohl auch noch eine "tragende Rolle" spielen wird. Inzwischen ist Mama Hase vom Einkaufen zurück und steht als Fels in der Brandung der verbal um sie herum brausenden Familienprobleme. Vater läuft Gefahr, seinen Job zu verlieren, der Älteste dreht durch, wenn aus dem Fernsehen die übliche Schönfärberei bricht, der Onkel stürzt ins Haus, weil die Polizei ihn jagt, und der Kleine quängelt.

Hase Hase ist ein Stück von Coline Serreau. Kein leichtes Stück. Die da auf der Bühne gerade emotionale Ausbrüche proben, sind keine Profis. Sehr amateurhaft wirkt das, was die Mitglieder des Theaterworkshops hier bieten, aber auch nicht. Der Profi im Team, Peter Molitor (verantwortlich für die Inszenierung), läßt den Theaternachwuchs schuften. Die üblichen Schülerausreden fruchten nicht. Wer bei ihm die Probe schwänzen will, muß sich was besseres einfallen lassen. - Hase Hase ist ein schnelles Stück. Es spielt in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint. Arbeitslosigkeit, Terrorismus und politischer Umsturz brechen in die scheinbar heile Familienumgebung der Hases. Ein Stück, das viel Effekt daraus zieht, was man vorher nicht darüber weiß. Es sei also nicht verraten.
(...Besetzung...)
Sie alle proben seit Januar für die Premiere am Samstag, 6. Juli, 20.00 Uhr in der Reithalle. Sie machen Theater, weil sie wollen. Mitmachen kann beim Workshop jeder. Was er macht, richtet sich nach dem, was er am besten kann.

Hase Hase sei empfolen. Was bei den Proben an ersten Eindrücken erhascht werden konnte, war beeindruckend.(...)

- rlu -




Top




Kritiken

Neue Presse Coburg vom 08.07.1996

Galaktischer Einsatz rettet die Erde

Jugendstück "Hase Hase" von Coline Serrau in Reithalle begeistert aufgeneommen

"Der Camembert verkauft sich gut" - also ist die Welt doch noch in Ordnung, oder etwa nicht?!Im Hause Hase jedenfalls überstürzen sich die Ereignisse und schwellen bis zur schieren Unerträglichkeit an. Daß dieser Umstand auch noch komisch sein kann, zeigte am Samstag der Jugendclub "Sturm und Drang" mit dem Stück "Hase Hase" von Coline Serrau. Die Premiere in der Reithalle war bis auf den letzten Platz ausverkauft.

Das Jugendstück deckt Mißstände auf, ohne dabei den Humor zu verlieren. Der selbstlosen Mutterliebe verfallen, hält Mutter Hase (Claudia Ros) die Familie zusammen. Und das ist wahrlich eine Kunst. Sohn Jeannot, der eigentlich in Brüssel als Dolmetscher Karriere machen sollte, schmuggelt Falschpapiere. Verfolgt von der Polizei, flüchtet er sich in den Schoß der Familie und versteckt sich in Mamas antiquierter Emaillebadewanne.

Hase Hase (Stefanie Oppel) kämpft dagegen mit viel schwerwiegenderen Problemen. Im Gymnasium liest er statt Schullektüre Science-Fiction- Romane, und Zuhause chartert Hase mysteriöse, intergalaktische Hotlines zur Milchstraße, um den Globus nicht als "kosmischen Abfall" seinem Schicksal zu überlassen. Schließlich steckt die Erde ganz schön tief "mit der Nase im Mist", denn ein Militärputsch etabliert eine neue Streitmacht, der Bébert (Michael Steinhäuser) zum Opfer fällt. Er läßt Mama und Papa Hase (Thorsten Roth) in dem Glauben, fleißig Medizin zu studieren, doch in Wirklichkeit gehört er einer terroristischen Organisation an, und verteilt MG's, die er in einem Geigenkasten aufbewahrt.

Auch die Töchter der Familie Hase haben ihre liebe Not, Marie (Lilian Wurzberger) läßt sich aus gutem Grunde von ihrem Mann scheiden, und Lucie (Sandra Dehler) verweigert ihrem Gerard (Sven Ruppert) skrupellos das Jawort. Emotional aufgebracht wirft er Lucie die gemeinsamen Bücher und Platten vor die Nase. Mann und Frau sind nun einmal nicht füreinander bestimmt.

Als dann auch noch Papa Hase arbeitslos wird, ist das Chaos perfekt. In seinen abgewetzten braunen Cordhosen schleicht er nach Hause und starrt fassungslos ununterbrochen sie Zeitung an. Das war's dann wohl.

Doch all diese Katastrophen werden mit Campagner begossen. Nur keine falsche Betroffenheit vortäuschen. Mama Hase tut so, als hätte sie die Situation voll im Griff. Aber ganz so abgebrüht ist sie dann wohl doch nicht. Ganz heimlich, still und leise entlockt sie dem Publikum eine salzige Träne, die ihr Kraft gibt , weiterzumachen. Was ihr auch vergönnt sei. Zumal sie auch noch der schrullig-pathetischen Frau Dupperie (Gabi Lotter) Asyl gwährt, die mit ihrer wehleidigen Masche und den pseudo-Selbstmorddrohungen der ganzen Familie Hase gehörig auf die Nerven fällt. Zur Karrikatur wird die Dupperie, als sie zur Befreiung Béberts eine Rauchbombe im Quatier der neuen Streitmacht zünden soll. Den Zuschauern war's recht - sie konnten sich kaum halten vor Lachen.

Überhaubt wurde das komödiantische in der Inszenierung hervorragend herausgearbeitet, ohne dabei den tragischen Hintergrund der Geschichte zu überspielen.

Das Bühnenbild entwarfen die "Stürmer und Dränger" unter Anleitung von Petra Molerus in Eigenregie. Das abgenuzte Küchenbüfett und die alte Emaillebadewanne paßten hervorragend in die karg eingerichtete Wohnung der Familie Hase. Für ihre Schauspielerische Leistung und ihr Engagement wurden die jungen Amateure mit Blumen und Klatschsalven überschüttet.
(...)

- Katja Elflein -


Top



Coburger Tageblatt vom 08.07.1996

Colline Serreaus "Hase Hase" erlebte Premiere in der Reithalle

"Und Mutter Hase hat doch alles im Griff". Das ist quasi der Untertitel zu dem amüsanten, nachdenklichen Stück "Hase Hase" von Coline Serreau. Die Autorin, die vor allem durch die Verfilmung ihres Stückes "Drei Männer und ein Baby " bestens bekannt ist, zeichnet eine turbulente, tragikomische Geschichte auf, bei der bisweilen selbst die jugendlichen Schauspieler im Coburger Theater in der Reithalle in ein Lachen auf offener Bühne nicht unterdrücken können. Im Mittelpunkt der etwa zweistündigen Aufführung steht die in Paris lebende Familie Hase. Scheinbar steht bei dieser, trotz räumlich beengter Verhältnisse, alles zum Besten. Da ist der alte, wortkarge Vater Hase (Thorsten Roth), dessen Lohn zwar klein ist, letztlich aber doch zum Unterhalt der Familie ausreicht.

An seiner Seite die fürsorgliche, alles kontrollierende Mutter (Claudia Ros), die das Zepter führt. Zumindest sinnbildlich. Weiterhin es sind die Kinder Bébert(Michael Steinhäuser), der Medizin studiert, und Junior Hase Hase (Stefanie Oppel), der das Gymnasium besucht, am heimischen Herd zu finden. Alle übrigen Kinder, Jeanot (Christoph Zitzmann), Marie (Lilian Wurzberger), Lucie (Sandra Dehler), glaubt man in guten, gesicherten Verhältnissen außer Haus. So weit, so gut. Doch die Lage spitzt sich bis zum Happy End empfindlich zu. So verliert zunächst der Vater die Stellung. Hase Hase wird der Schule verwiesen, die verheiratete Tochter kehrt zurück und will sich scheiden lassen.

Aber nicht nur die Lage in den eigenen vier Wänden eskaliert, auch die politischen Verhältnisse des Landes verschlechtern sich und werden zunehmend durch Terrorismus und Umsturzbestrebungen geprägt.

Insgesamt war in Coburg eine gelungene, temporeiche und turbulente Produktion des Kinder-und Jugendtheaters " Caktus" zu sehen, inszeniert von Peter Molitor , bei der nahezu alles in den Händen der Teilnehmern dieses Theater Workshops lag - bis hin zum Bühnenbild, das unter der Leitung von Petra Molerus in den Werkstätten des Landestheaters selbst hergestellt wurde. Eine beachtliche, die jeweils rollendeckende Leistung muß man allen beteiligten jungen Akteuren attestieren, die von der sichtlich Freude am Theater getragen wurde. Ein Begeisterungsfunke, der auch auf das altersmäßig gemischte Publikum übersprang und zu lang anhaltendem Szenen-und Schlußapplaus führte.

Michael Weiß


Top


Zurück