Vorberichte

Neue Presse Coburg vom 19.06.1998

Satire über den Scharlatan Kolumbus


Jugendclub zeigt Komödie von Dario Fo

Coburg. Seine zweite Produktion der Spielzeit 1997/98 präsentiert der Jugendclub des Landestheaters am Samstag: "Isabella, drei Karavellen und ein Scharlatan ", ein Frühwerk von Dario Fo. Der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1997 dreht darin die Entdeckung Amerikas auf satirischen Weise durch die Theatermaschine.

Der italienische Meister der modernen Commedia dell'arte hat 1963/64 mit dieser Komödie versucht, auf seine Art die Ereignisse der spanischen Geschichte gegen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts zu interpretieren. Mit der Eheschließung von Isabella von Castilien und Ferdinand von Aragon wurde der Grundstein für die Einigung Spaniens und den Aufstieg des spanischen Nationalstaates zur Welt-und Seemacht bewegt.

Während ihrer Regentschaft wurde nicht nur Christoph Kolumbus drei Schiffe gewährt, um auf dem Westweg Indien zu erreichen, sondern auch die sogenannte " Reconquista ", die Eroberung und Christianisierung der arabischen Landesteile durchgeführt. Nach Vertreibung der Mauren und sephardischer (= spanischen) Juden und der Einführung der Inquisition wurde dem Königspärchen vom Papst der Ehrentitel " katholischen Könige" verliehen.

Macht und Einfluß der Kirche will wird von Dario Fo in "Isabella" ebenso bitterböse mit ironisiert wie die Klugheit des einfachen Volkes, daß die Obrigkeit narrt. Christobal Colon, zu deutsch Kolumbus, hat Amerika, wie wir wissen, nicht entdeckt und auch Indien nicht erreicht. Die Erdkugel ist größer als er gedacht hatte. Das spanische Weltreich in dem die Sonne nie unter geht, verdankt Karl der Fünfte seinen Großeltern Ferdinand und Isabella und dem Scharlatan Kolumbus, der sich gewitzt die Kunst Isabella erschlichen hatte. Daß Proteste der falschen Geschlechtsglorifizierung wird noch deutlich dadurch verstärkt, daß Fo in seiner Komödie die Kolumbus-Geschichte von einem zum Tode verurteilten Schauspieler auf dem Schafott ausführen läßt. (...)

- nicht bekannt -




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Kritiken

Neue Presse Coburg vom 16.06.1998

Flotte Posse unterm Galgen

Jugendclub des Landestheaters präsentierte Dario-Fo-Komödie in der Reithalle

Ein Schlitzohr war der wohl, wie er im Buche steht. Nicht in Geschichtsbuch, wohlgemerkt: dort findet Christoph Kolumbus alias Christobal Colon als mehr oder minder honoriger Türöffner der neuen Welt, der nach vier Amerikareisen einen jähen Karriereknick erlitt und 1506 vergessen starb. Etwas mehr hat sich Dario Fo-Volksaufklärer, Polit-Dramatiker und zum Entsetzen erlauchter Feuilletons neuerdings Nobelpreisträger-die schillernde Figur Kolumbus gesehen. Das Ergebnis, die 1963 in Mailand uraufgeführte Komödie "Isabella, 3 Karavellen und ein Scharlatan", kommt hierzulande kaum je auf die Bühne- was nicht zuletzt an rund 40 zu besetzenden Rollen liegen dürfte.

Genau das machte die Komödie für Peter Molitor, dem Leiter des Jugendclubs am Coburger Landestheater, interessant: auf der Suche nach einem " schnellen Stücke für viele Leute " stieß er auf das Fo'sche Frühwerk. In mehrmonatiger Arbeit wurde der mit seinem jungen Amateur-Ensemble auf die Studiobühne der Reithalle gehieft, wo sie am Sonntag abend das Premierenpublikum amüsiert. Mit Frische, Elan und Talent präsentierten die 22 Bühnenakteure eine flotte Satire, die Unbefangen mit den Elementen der Commedia dell'arte und des Agit-Prop-Theaters spielt.

Natürlich geht es dem engagierten Linken "Gaukler" Fo in seinem opulenten Zweiakter nicht vorrangig nicht um das Psychogramm eines windigen Seefahrers und gerissenen Abenteurers. Kolumbus ist das dramaturgisch ergiebige Mittel, um mit derber Ironie und grotesker Überzeichnung die Infamie der Mächtigen und die die Bigotterie des Klerus anzupranger-in diesem Falle am Beispiel Spaniens an der Schwelle zur Seemacht.

Unter der Regentschaft von Isabella von Castilien und Ferdinand von Aragon wird das Land geeinigt, den Namen des Kreuzes wiederfährt Arabien, Mauren und Juden, daß heutzutage-ethnische Säuberung-Geist und meint Volker Scharlatan Gewinn vor diesem Hintergrund das Königspaar seinen Plan, Indien auf dem westlichen Seeweg zu erreichen.

Erzählt wird diese Geschichte vom Aufstieg und Fall des Kolumbus als Spiel im Spiel: ein wegen Ketzerei zum Tode verurteilter Schauspieler führt sie auf dem Schafott mit einer Gruppe auf, - in der trügerischen Hoffnung, dadurch dem Galgen zu entrinnen.

Der spielt um sein Leben, dieser Gaukler, der mit Haut und Haar Kolumbus wird-und den Thorsten Köhler mit schier atemberaubender komödiantischer Verve zwei Stunden lang auf "180" hält. Schon in der ersten Jugendclub - Produktion der Spielzeit, Fassbinders " Tropfen auf heiße Steine ", wies Köhler Talent. In dieser üppigen Hauptrolle nun bezauberte er vollends als fabelhafter voll Blut-Komödiant-und zeichnet " nebenbei " noch für die Ausstattung verantwortlich: die Form Multifunktions-Galgen " dominierte Bühne und die Mittelalterlichen Kostüme. Köhlers Kolumbus ist ein raffinierter Hasadeur, der mit List und Lüge, Charme und Schläue, vor allem freilich mit teuflischer Engelszunge die Obrigkeit zu blendend versteht-kurz um: ein geniales Großmaul - gerissen und rücksichtslos verfolgt er seine Ziele, die da wären Ruhm, Reichtum und Macht-bis er zum Instrument der Imperialisten nicht mehr länger taugt.

Die sind nämlich auch nicht auf den Kopf gefallen-zu mindestens Königin Isabella: eine temperamentvolle, kluge Regentin setzt Britta Claus brilliant in Szene-scharfzüngig und Zielstrebig, latent aufbegehrend gegen den frömmlerischen Kurs des schlappen Gatten, König Ferdinand. Der arme Tropf, Andreas Lindemann sehr drollig mimt, muß sich seiner Männlichkeit auf dem Schlachtfeld vergewissern-zuhause ist ja ein kleinlauter Pantoffelheld was zu köstlichen Szenen einer Königs-Ehe führt.

Auch im Umfeld menschelts kräftig und witzig, etliche nette kleine Hiebe wider die Scheinheiligkeit der Kleriker und die Engstirnigkeit des der geehrten plazieren Sven Ruppert, Holger Schäfer, Steffen Popp, Andreas Flack und Hannes Horneber im fliegenden Rollenwechsel sehr treffsicher. Als sächselndes Faktotum wird Delia Schult zum " Running - Gag " des vergnüglichen Abends, im Duett mit Anna-Kathrin Berger verknüpft sie überdies die Szenen Epochegerecht gesanglich (Musik: Holger Schäfer).

Mit sichtlicher Spielfreude und im rasanten Tempo (daß keine nennenswerten " Opfer " fordert) gelingt den jungen Schauspieler/innen in Peter Molitors pfiffiger Inszenierung ein runderTheaterspaß-der allenfalls durch ein bißchen mehr Straffung noch zu steigern werden.

Dieter Ungelenk




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Coburger Tageblatt vom 16.09.1998

Lächerliche Helden

Jugendclub präsentierte Dario Fos " Isabella " in der Reithalle

Auch so läßt sich Geschichte anschaulich machen-indem man sie in Geschichten verwandelt und auf die Bühne hebt. Mit satirischer Zuspitzung und komödiantischer Darstellung werden aus den Helden, Entdeckern und Eroberern der Geschichtsbücher Theaterfiguren, vor denen niemand mehr zittern muß. der Ruhm des Seereisenden Christoph Kolumbus der einen neuen Seeweg nach Indien zu entdecken meinte als er gen Westen segelte-ein lächerlicher Irrtum nur der Geschichtsschreibung.

Zumindest ist daß die Lesart, die der unvermutet zum Nobelpreisträger avancierte italienische Commediia dell'arte Dichter Dario Fo in seinem Frühwerk "; Isabella, 3 Karavellen und ein Scharlatan " präsentiert. Mit ihren Verwechslungspielen erweist sich die 1963 uraufgeführte Komödie als dankbare Herausforderung für den Jugendclub des Landestheaters Coburg, der sich unter der Regie von Peter Molitor bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten mit einer eigenen Produktion in der Reithalle vorstellte.

Die Geschichte der Isabella von Castilien, deren Eheschließung mit Ferdinand von Aragon den Aufstieg Spaniens zur Eroberungshungrigen Seemacht einleitete läßt Molitor durchweg Temporeich und turbulent auf die Bühne bringen. Die Ausstattung von Thorsten Köhler beschränkt sich auf einen doppeltes Podest sowie gut charakterisierend zusammengestellte Kostüme und ermöglicht eine dichte Szenenfolge und rasche Verhandlungen.

Dabei nutzte Molitor die groteske Akzentuierung von Fo's Komödie für eine prägnant zugespitzte Charakterisierung der sehr zahlreichen Rollen und weil auch diese Komödie Dario Fo's robust funktioniert wie viele seiner anderen, muß sich die Regie nicht mit silistische Grübelei aufhalten. Peter Molitor führt die Darstellerschar des Jugendclubs vielmehr zu einer höchst engagierten Ensembleleistung, die für eine Temporeiche turbulente Aufführung sorgt. Besonders nachhaltig profitieren können sich dabei Britta Claus als Königin Isabella und Johanna die Verrückte, Andreas Lindemann als König Ferdinand, Sven Ruppert, Holger Schäfer, Andreas Flack und Hannes Horneber in jeweils mehreren verschiedenen Rollen sowie vor allem Thorsten Köhler als verurteilter Schauspieler, der sich vor dem Galgen dadurch zu retten sucht, daß er mit seiner Truppe die abenteuerliche Geschichte des Christoph Kolumbus darstellt und dabei selbst in die Rolle des Entdeckungreisenden schlüpft.

Dario Fo nutzt dieses Theaterstück auf dem Theater zu allerlei satirischen Attacken auf Krone und Kirche, auf Macht und Inquisition, zu derbem Wortwitz und effektvollem Klamauk- und der Jugendclub des Landestheaters nutzt Fo's Komödie als Vorlage für seinen vergnüglichen turbulenten Theaterabend.

Jochen Berger


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