Vorberichte

Neue Presse Coburg vom 22.04.2000

Komödie um  Liebe - und Tod

Zugabe im Jubiläumsjahr: Der Jugendclub präsentiert Paul Rudnicks "Jeffrey"

Nie mehr Sex! Ein Gelübte von erheblicher Tragweite, und nicht selten mit begrenzter Tragfähigkeit. Unterschiedlichste Gründe können den kühnsten Keuschheitsschwur auslösen, in Jeffrey Falle heißt er: Aids. Denn Jeffrey ist jung, schwul - und er lebt in New York. Entnervt vom Frust mit der Lust und den Unbilden des Safer Sex ist er wild entschlossen, dem Fleischlichen zu entsagen.

Das Schicksal scheint da anderer Meinung und offeriert ihm im Bodybuildingstudio die properste Versuchung, seit es Männer gibt: Steve. Ein Fall von Liebe. Und ein Problem: Steve ist HIV-positiv. Schluß mit lustig? Paul Rudnick findet das nicht. Der theater-undszeneerfahrene US-Autor hat ein Stück daraus gemacht, eine Beziehungskomödie um die Liebesirrungen und - wirrungen in den Zeiten von Aids: "Jeffrey". Der Jugendclub des Landestheaters bringt sie am 5. Mai auf die Studiobühne - und macht sich und seinem Publikum mit dieser Coburger Erstaufführung sozusagen ein Geburtstagsgeschenk: Das junge Ensemble besteht heuer fünf Jahre. Dieses kleine Jubiläum wollten Peter Molitor und sein Team denn doch nicht so einfach übergehen, so entschlossen sie sich, zur Feier des Jahres zwei Produktionen auf die Beine zu stellen. Das "Hauptstück" der Saison kommt traditionell gegen Spielzeitende heraus: "Flying Feathers", eine Farce von Derek Benfield wird ab dem 21. Juni in der Reithalle aufgeführt.

Den Strapazen einer zweiten Inszenierung haben sich die Nachwuchs-Akteure bislang erst einmal ausgesetzt: 1998 brachten sie nach Fassbinder Frühwerk "Tropfen auf heiße Steine" noch die ausgesprochen personalintensive Farce "Isabella, drei Karavellen und ein Scharlatan" von Dario Fo auf die Bühne. Vater der Idee, auch im Jubiläummsjahr doppelt aufzutrumpfen, ist Sven Ruppert - eines jener "Jugendclub-Urgesteine", für die die Theater-Spielwiese Talentschmiede wurde. Der 24-jährige ist mittlerweile ins Profilager gewechselt und arbeitet als Regieassistent am Landestheater. Bei "Jeffrey" führt Ruppert nun erstmals selbst Regie, und verheißt dem Publikum eine ziemlich turbulente, äußerst freche Tragikomödie im Stil der Screwball-Comedys. Die Zuschauer dürfen sich auf emotionale Wechselduschen gefasst machen: "Es gibt viele ups und downs, wahnsinnige Fallhöhen machen dieses Stück aus", schwärmt Sven. Und: "es ist wunderbar charmant geschrieben". Und das Thema Aids, das sonderlich komödienkompatibel ja nun eigentlich nicht ist? Für Ruppert und seine Truppe steht es gar nicht im Mittelpunkt der Story: "Vorrangig ist es eine Liebesgeschichte und eine Geschichte über den Umgang mit Krankheit", sagt der Regisseur; eine Geschichte, die zeigt, "daß man auch mit HIV leben und Spaß haben kann" ergänzt Timo Knauer, Dramaturg der Pruduktion. Der Autor selbst war sich des Wagnisses bewußt, als er "Jeffrey"1991/1992 schrieb, und keineswegs sicher, "ob das Publikum willens sein würde, trotz des Aidsalptraums darin die anspruschsvolle Komödie, aber auch eine herzzerreißende Love-Story á la Gershwin zu entdecken". Das Publikum war willens, die erwarteten Kontroversen blieben aus, als "Jeffrey" 1992 am New Yorker WPA Theatre mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Rudnick war es offensichtlich gelungen, mit satirischen Mitteln "die Kaputtheit des Aids-Zeitalters und den Heldenmut derjenigen zu dokumentieren, die ihrer Liebe ... zwischen den Krankenhausbesuchen, Protestmärschen und weihevollen Reden finden", wie er in seinen Anmerkungen zu dem inzwischen auch verfilmten Stück schreibt. Quer durch Manhatten führen die 19 kaleidoskopartigen Szenen des Zweiakters, von schäbigen Videoshops in den Ballsaal des Waldorf Astoria, vom Wartezimmer bis Hinauf zur Aussichtsplattform des Empire State Building. Bühnenbildnerisch nicht eben leicht zu bewältigen für ein Amateurensemble, dessen Etat gegen Null tendiert (und daß diese außerplanmäßige Produktion nur dank Spenden, unter anderem von der Coburger Aidshilfe verwirklichen kann). Statt ausstatterischer Kraftakte setzt die Inszenierung denn auch auf Abstraktion: Einzig Hocker werden in unterschiedlicher Konstellation die Bühne möblieren, eine ausgeklügelte Lichtregie soll die Atmosphäre-Wechsel zwischen den kurzen, hart geschnittenen Szenen übernehmen. Hannes Horneber spielt die Titelpartie, und auch die meisten weitern Hauptrollen sind mit den mittlerweile versierten "Stars" des Ensembles besetzt - mit einer Ausnahme: Christopher Langton gibt sein Bühnendebut als Jeffreys Traummann Steve. Als Komikgaranten hat der Autor dem Liebespaar eine Art "Buffopaar" zur Seite gestelle, das mit gehörigem Tunten-Esprit der Liaison auf die Sprünge hilft: Darius und Sterling, gespielt von Thorsten Köhler und Peter Molitor, der damit erstmals ganz offiziell ins Jugendclub-Rampenlicht tritt. Denn eigentlich ist der Ensemble "Senior" (Der im Hauptberuf als Inspizient mit Schauspielverpflichtung am Landestheater tätig ist) Leiter und "Hausregisseur" des Jugendclubs.

Die Damen im Team bleiben bei der Mänerkomödie übrigens keineswegs unbeschäftigt: Neben Britta Claus, die als TV-Lebensberaterin Debra Moorhouse gehörig auf die Satire-Pauke hauen darf, kommen acht weitere Darstellerinnen zum Einsatz. Insgesammt 20 Rollen waren zu besetzten; etliche Newcomer und Freunde aus der Statisterie machten das möglich, auch wurden ein paar "Ehemalige reaktiviert". Und obendrein, so wird gemunkelt, unterstützt auch der eine oder die andere aus dem Schauspielensemble das Werk der jungen Kollegen.

- Dieter Ungelenk -




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Die schönsten Worte sind nicht mehr:

"Ich liebe Dich"


Der Jugendclub des Landestheaters Coburg leidet,liebt und lernt mit "Jeffrey"

"Du sollst mich nicht bewundern, du sollst mich ficken." Die Worte sitzen. Oder treffen ins Herz. Und dann schnerzen sie, so sehr, dass Jeffrey abhauen will, zurück in seine Heimat, alles vergessen, hinter sich lassen, nachdenken. Darüber wie es ist, wenn man als Schwuler im Zeitalter von Aids beschlossen hat, nie mehr Sex zu haben, und das, owohl man bis über beide Ohren verliebt ist. Und diese unglaubliche Art von Lustempfinden schließlich der einzig wirkliche Grund für Jeffrey war, erwachsen zu werden.
"Ich liebe Sex!" ruft er in den dunklen Zuschauerraum der Reithalle. "Aber ich muß einen anderen Weg finden, glücklich zu werden." Die Zuschauer-Stühle sind noch leer, das Licht ist an. Winzige Staubkörner glitzern auf dem schwarzen PVC-Boden. Die Proben für "Jeffrex" laufen jetzt auf hochtouren, es sind nur noch wenige Tage bis zur Premiere am 5. Mai. Im November haben die Jugenddarsteller angefangen zu proben, etwa einmal wöchentlich, im Moment treffen sie sich täglich in der Reithalle.
Es ist das sechste Stück des Jugendclubs am Landestheater. Ein "Bonbon", das sich der Jugendclub zum fünfjährigen Jubiläum selbst geschenkt hant: "Seit Jahren träume ich davon, dieses Stück einmal zu inszenieren", schwärmt Sven Ruppert, der als Regieassistent am Landestheater bei "Jeffrey" das erste Mal im "semi-proffessionellem Bereich" eigenständig Regie führt. Warum der 24-jährige gerade eine Tragikommödie der New Yorker Schwulenszene ausgesucht hat, kann er gar nicht genau sagen. "Das Buch und der Kinofilm haben mich einfach fasziniert." Jeffrey, ein junger Schwuler, gespielt vom 19-jährigen Hannes Horneber, beschließt, der körperlichen Liebe zu entsagen. Wie das Leben aber spielt, verliebt er sich kurze Zeit später. Ausgerechnet in Steve (Christopher Langton), einen Aidsinfizierten Schwulen.

Tiefgang, traurig

Die Dramturgie verspricht Tiefgang. "Das Stück zeigt tieftraurige Momente, solche, in denen man glaubt, es könne nicht mehr weitergehen", erklärt Ruppert. Der junge Regisseur leitet die Gruppe zurückhaltend, dennoch selbstsicher. "Ich bekomme Anregungen von den Schauspielern, aber wirklich reinreden lasse ich mir nicht." Dabei ist Ruppert nicht autoritär, die Schauspieler schätzen seine kollegiale Art. Er strahlt Zuversicht und Vertrauen aus, das sich spürbar überträgt.
Zurück zum Stück: "Ich will nicht sterben, ohne dass mich jmemand in den Armen hält." Steves Worte klingen verzweifelt, auch anklagend. Der junge Homosexuelle will nicht verstehen, dass Jeffrey nicht mit ihm schlafen will. Sich konsequent von seiner Lust lossagt. Und im Besuch seines Fitnessstudios eine Ersatzbefriedigung sucht.
Die einleitenden Worte müssen nochmals studiert werden. "Sex ist toll. Doches ist kein Gegenstand bilateraler Verhandlungen. Und sollte schon gar nicht tödlich sein." "Sex" spricht der 19-jährige Hannes ungewöhnlich lang gedehnt aus. Irgendwie besonders amerikanisch. Dabei blickt er direkt in den Zuschauerraum. Will die Besucher fesseln, Spannung erzeugen.
Die Sexualität drängt sich zunächst in den Vordergrund, soll das Stück thematisch aber nicht beherrschen. "Es geht auch nicht um die Angst, sich mit Aids zu infizieren", sagt Ruppert, "dafür gibt es schließlich Safer Sex." "Nein, es geht um die alles beherrschende Angst, einen Menschen zu lieben, der nicht mehr lange leben wird. Das lässt sich auf jede andere Krankheit übertragen",sagt der Jung-Regisseur.
Ruppert klappt wieder seine Unterlagen zu: "Vielen Dank erstmal." Die Szene ist durchgespielt,. Textpassagen werden besprochen, Gesten einstudiert. Nochmal von vorne. Peter Molitor, der Jeffreys schwulen besten Freund Sterling spielt, trippelt auf der Stelle. Der Leiter des Jugendclubs und sonst Regisseur der Jungschauspieler, ist nervös. "Ich stehe seit sieben Jahren das erdte Mal wieder auf der Bühne."
Lampenfieber gehört dazu, auch bei den Proben. Auf Kommando Texte wiederholen, ohne Publikum, immer und immer wieder. Und dann das unendliche Warten auf den Wohltuenden Applaus nach der Premiere: Das ist das harte Los der Schauspieler.

Born in the USA

"Jefrey durchläuft zahlreiche Stationen, die die amerikanische Gesellschaft widerspiegeln", weiß Rupert. Er besucht Selbsthilfegruppen, sucht das klärende Gespräch mit seinen Eltern, geht zu Fernsehpredigern. Trotz der Ernsthaftigkeit der Thematik spielt Komik in der Inszenierung eine wichtige Rolle. Sie ist es, die bei der Suche nach dem sinn des Lebens hilft. Steve stellt es drastisch dar: "Die schönsten Worte im Leben sind längst nicht mehr 'Ich liebe Dich', sondern 'Das Ergebnis ist negativ'".
Zärtliche Kußszenen wechseln im Stück ab mit derben Sprüchen: "Manchmal nehme ich mir einfach nur die Freiheit, ein Schwuler mt ‚nem Schwanz zu sein", ruft Steve bei den Proben in den fast menschenleeren Raum. Sekunden später treffen sich die Lippen der beiden Männer. Der Kuß findet ein abruptes Ende, symbolisch für die verzweifelte Liebe. "Als Hetero plötzlich einen Mann zu küssen, war wirklich komisch", erklärt Hannes. Christopher grinst zusimmend.
Sveb Ruppert drückt noch einmal auf die Start-Taste des Kassettenrekorders. Eine amerikanische Schnulze ertönt. "Noch einmal bitte."

Christina Hauptmann




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Kritiken



Coburger Tageblatt vom 08.05.2000

"Hör auf mit dem Hyperventilieren"

Jugendclub des Landestheaters: Fulminante Premiere

"Es gibt nur eine einzige Blasphemie, sich der Freude zu verweigern." Es fallen starke Sätze in diesem amerikanischen, erfolgreich auch verfilmten Stück von Paul Rudnick. Und vielleicht ist "Jeffrey", aufgeführt vom Jugendclub des Landestheaters zu seinem fünfjährigen Bestehen, das spannendste Stück Theater dieses Jahres in Coburg. Nicht, weil es besonder mutig wäre, ein Schwulenthema in die Reithalle zu bringen. Sondern weil ein Trupp von Laien und Halbrofis, in witzigen Nebenrollen unterstützt von einem grossen Teil des professionellen Schauspielensembles des Landestheaters, tatsächlich Grenzen überspringt, Energiequellen eröffnet - es sei gewagt, dies zu behaupten: Theater im überzeugendsten Sinne entfesselt.

Der Witz dieser Inszenierung Sven Rupperts, sonst Regieassistent am Landestheater, ihre durchdringende Wirkung, Spannung und Spielfreude zeigen schlagartig, wie steril, steif und künstlich falsch professionelles Theater oftmals wirkt. Womöglich aber muss man herkömmliches Profitheater angesichts dieses kleinen Ereignisses sogar ein bisschen in Schutz nehmen: welcher Schauspieler kann schon tagtäglich aus dem Tiefsten seiner Seele spielen.

Vielleicht ist soviel mitreissender Schwung nur in der unverbrauchten Frische eines solchen Unternehmens möglich. Mut und Kraft gehören allemal dazu, und in jedem Falle Kompliment an Sven Ruppert dafür, daß er seine Darsteller zu solcher Bühnenintensität gebracht hat.

Sie wagen sich an das Schwierigste, Intimitäten, körperliche wie psychische. Welche Peinlichkeit hätte da entstehen können. Doch wie sicher sich das Ensemble durch die Vielzahl der Szenen und Stationen homosexuellen Daseins bewegt, ist beeindruckend. Wobei Autor Paul Rudnick dramaturgisch geschickt auch die lastenden Situationen mit zum Teil skurrilem Humor abfängt, um am Ende statt vordergründiger Betroffenheit tiefes eindringen in eine andere Realtät zu ermöglichen. Und dieser Jugendclub hält das alles aus.

Allen voran und wirklich herausragend Hannes Horneber in der Titelrolle des Jeffrey, des Jungen, der Sex liebt, aber sich lossagt, weil ihm der blanke Konsum unwürdig erscheint. Für das darüber Hinausgehende hat er zuviel Angst, Angst in den Zeiten von Aids einen Menschen zu lieben und ihn dann womöglich zu verlieren. Sich vor dem Schmerz schützen, zum Preis der Freude und der Liebe. Dann verliebt sich Jeffrey in den HIV - positiven Steve.

Hannes Horneber und Christopher Langton als in der Dimension des von Krankheit und Tod unmittelbar bedroht lebenden Steve gelingt es, eine wunderschöne Liebesgeschichte zu entspinnen. Horneber bindet die Verwirrung, das Unglücklichsein, die rührende Liebenswürdigkeit Jeffreys ein in Woody Allensche Komik und entfaltet erstaunliche körperliche Präzision und Bühnenpräsenz. Und Christopher Langton, zwar eingeschrängter in seinen Ausdrucksmöglichkeiten, ruht nicht minder konzentriert und sicher in sich und seiner Figur, so konzentriert, daß Langton und Horneber zusammen manch wahrhaften Moment schaffen. Das ist viel auf der Bühne.

Die beiden Hauptfiguren werden gestützt von Peter Molitor als in eigenwilligem Humor distinguiertem Freund Sterling und dessen lebensfrohem "Lover" Darius. Thorsten Köhler liefert ein mitreißendes Paradestück des phantasievollen, an das Leben glaubenden Schwulen. Oder auch Britta Claus als charismatische Fernsehpredigerin, die das Reithallenpublikum zur händchenhaltender Meditation zwingt. Selbst die etwas unbeholfeneren Auftritte in den Nebenrollen wirken liebenswert und stören nicht den Schwung des Ganzen.

Zu beschreiben wäre noch vieles: Die leichte, lässige Art, mit der der Amercan Touch dieser witzig verdichteten Szenenfolge für Vergnügen sorgt. Das originelle Bühnenbild aus nichts als einem Berg gelegentlich polternder, sich aber in jede gewünschte Szenerie verwandelnder Hocker. Die in Ihrer Spielfreude beflügelt wirkende Auftritte der Profis...Ach, schwärmen wird erlaubt sein.

Wer wieder einmal Theater spüren will, etwas von seinem ursprünglichen Bann, wer wieder einmal wissen möchte, warum Theater und nicht nur Kino, der sollte die Gelegenheit der beiden noch ausstehenden Aufführungen nutzen.

- Carolin Herrmann -




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Neue Presse vom 08.05.2000

Hintergründiges Comedy-Märchen

Jugendclub des Landestheaters in Höchstform: "Jeffrey"- Premiere in der Reithalle

Jeffrey hat Angst. Vor dem Sterben, also vor dem Leben. Vor Aids, also vor Sex. Vor der Liebe, also vir sich selbst. Klingt gar nicht komisch. Ist es aber. Mehr noch: Es ist fröhlich,dieses starke Stück von Paul Rudnik, das der Jugendclub des Landestheaters sich und seinen Fans zum fünfjährigen Bestehen gönnt.



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