Vorbericht

Neue Presse Coburg vom

Jugendclub des Coburger Landestheaters probt "Kinderstunde"

GIFT AUS DER GERÜCHTEKÜCHE

Coburg - Der Titel könnte in die Irre führen: Keineswegs ans ganz junge Publikum wendet sich der Jugendclub des Coburger Landestheaters mit seiner "Kinderstunde", die am 9. Mai ihre Reithallen-Premiere erleben wird. Denn Lillian Hellmans Schauspiel aus dem Jahr 1934 behandelt ein ernstes Thema - und es endet tragisch. Um die Macht der Gerüchte geht es in dieser Geschichte um zwei junge Lehrerinnen, die in Neuengland ein privates Mädcheninternat aufgebaut haben. Um sich für eine Bestrafung zu rächen, verbreitet eine Schülerin, die Lehrerinnen seien lesbisch. Das Gerücht macht umgehend die Runde und ruiniert den guten Ruf und die berufliche Existenz der beiden Frauen. "Infam" hieß treffend der deutsche Titel von William Wylers zweiter Verfilmung des Stoffes mit Shirley MacLain (Martha) und Audrey Hepburn (Karen), die das Drama 1962 auch hierzulande bekannt machte. Auf deutschen Bühnen indessen fand es kaum Beachtung - obwohl sich "The Children's Hour" in Amerika mit fast 700 Broadway-Aufführungen zum Bühnenerfolg gemausert hatte.
Der Jugendclub hat also mal wieder eine "Ausgrabung" getätigt - allerdings nicht unbedingt aus "theaterarchäologischem" Ehrgeiz, sondern aus ganz praktischen Erwägungen: Männer sind rar im jungen Ensemble, und Stücke mit überwiegend weiblicher Besetzung noch seltener. "Kinderstunde" kam Sven Ruppert also sehr gelegen: "Wir haben 15 Frauenrollen und nur einen Mann" erklärt der Regisseur, der selbst vor Jahren im Jugendclub Theaterfeuer fing und nun als einziger Profi die Schüler/innenschar anleitet. Fast alle stießen in dieser Spielzeit neu zum Team, "wir hatten den größten Wechsel in der Geschichte des Jugendclubs" sagt Ruppert. Neuland ist die Bühne für einige der 14- bis 17-Jährigen trotzdem nicht: Claudia Thieße zum Beispiel trat mit der Theatergruppe des Gymnasiums Alexandrinum schon bei den 1. Coburger Schultheatertagen im vergangenen Jahr in der Reithalle auf - und wurde prompt "entdeckt". Nun spielt sie neben Konstanze Rückert eine der beiden Hauptrollen: die junge Lehrerin Martha, die für ihre Kollegin Karen, die sie seit Studienzeiten kennt, mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegt - während Karen Heiratsplände mit ihrem Verlobten Joe schmiedet. Intoleranz gegenüber Homosexualität - 1934, als das Stück enstand, gewiss ein "heißes Eisen" - ist für Sven Ruppert jedoch nicht das eigentliche Thema - sondern eben die z erstörerische Kraft der Gerüchte, die durch die Schülerin Mary ausgelöst werden. Ruppert verlegt die Geschichte in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts und peppt sie durch einen Kunstgriff auf: "Ich habe den dritten Akt aufgeschnitten und in kleine Teile zerlegt." Eingebaut in die Handlung sorgt dieses Szenen-Puzzle für Zeitsprünge und zusätzliche Spannung.

- Dieter Ungelenk -




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Kritiken


Coburger Tageblatt vom 12.05.2003

"EIN TÖDLICHES GERÜCHT"

Tückische "Kinderstunde" von Lillian Hellman beim Jugendclub des Landestheaters Coburg

Gerüchte können tödlich sein, vor allem in Zeiten rigider Moral und streng gesetzter Tabus. Die amerikanische Autorin Lillian Hellman (1905 bis 1984) schrieb darüber ein tief gründiges Theaterstück. 1936 schockierte das direkt behandelte Thema Homosexualität das Broadway Publikum. "The Children's Hour" wurde 691 mal gespielt. William Wylers Verfilmung des Stoffes von 1961 mit Audrey Hepburn und Shirley MacLaine stieß auch in Europa auf große Resonanz.
Der Jugendclub des Landestheaters, in der Vergangenheit schon mehrfach mit ungewöhnlichen Inszenierungen hervorgetreten, brauchte nach zahlreichen neuzugängen vor allem ein Stück mit vielen weiblichen Rollen. Regisseur Sven Ruppert, mittlerweile auf der Profiseite angelangt, fand es in Lillian Hellmans schwer lastender Vorlage, die einst von erheblicher Brisanz war: "Kinderstunde", Permiere in der ausverkauften Reithalle am vergangen Freitag.
Die tückische, jedenfalls gestörte Mary (Veronika Keller) dichtet ihren beiden jungen Schulleiterinnen Karen und Martha ein lesbisches Verhältnis an, was den ruin des Mädcheninternats und der beidenen Lehrerinnen bedeutet. Sven Ruppert hat die Szenerie näher an die Gegenwart, in die Sechziger Jahre vor der Sexuellen Revolution, geholt. In einem sparsam möblierten Umfeld von gediegener Bürgerlichkeit versucht er den Personen mit stillen Momenten der Erstarrung Raum für psychologische Tiefe zu schaffen. Mit Gespür für sinnfällige Arrangements ordnet er die einzelnen Figuren einander auf der Bühne zu. Die Spannung will er mit Zeitsprüngen und ineinander geschnittenen Szenen steigern. Gelegentlich zerhackt er dabei allerdings auch die Wirkung einer an sich stimmigen und spannenden Szene.
Auch wenn das Stück in der Komplexität der Konflikte und der vertrackten Psychologie der Personen das junge Laienensemble überfordert, finden vor allem die Hauptakteure Constanze Rückert und Claudia Thieße als die beiden Schulleiterinnen sowie Veronika Keller als Mary zu intensiver Darstellung.
Christine Rauscher spielt die egoistisch-exaltierte Tante Lily Mortar. Lisa-Marie Sax skizziert Marys Großmutter in ihrem scheiternden Bemühen um Ehrbarkeit. Marcel Bauer stellt Karens um aufrichtige Liebe ringenden Verlobten Joe dar. Hannah Schilling zeigt eindringlich die Not der erpressten Mitschülerin Rosalie.
Als weitere Schülerinnen komplettieren das engagierte Ensemble: Melanie Bechmann, Peggy Schilha, Lisa Wegener, Laura Brachmann, Buket Daghan und Barbara Kunert. Von den bösartigen Zicken Marys nicht beeindrucken lässt sich Thekla Morgenroth als Dienstmädchen Agatha.

- Carolin Herrmann -




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