Kritiken

Coburger Tageblatt vom 27./28.Mai 2005

Fürchterlich lebendiges Halsumdrehen

Der Jugendclub des Landestheaters bewäligt Rainald Goetz' "Heiliger Krieg" in der Reithalle

Zur Zeit kriegen wir's aber dicke avantgardistisch in Coburg. Sogar der Jugendclub des Landestheaters haut uns jetzt gewaltige Suaden um die Ohren, wo wir doch gerade erst Elfriede Jelineks „Bambiland" verdaut oder wohl eher verdrängt haben. Nein, Hören und Sehen vergeht uns bei Rainald Goetz' „Heiligem Krieg" in der Inszenierung von Sven Ruppert nicht. Die ist nämlich im einzelnen richtig gut und seine über 20 Laiendarsteller sind meistens technisch verblüffend.

Es ist die Art dieser vagabundierend assoziativen, vollkommen zersplitterten, die Welt zerhäckselnden und -manchmal - irgendwie wieder zusammen setzenden Textvorlage aus ungeheuren Sprachgebirgen und Wortwasserfällen, die fast drei Stunden lang über einem zusammenstürzen. Dabei ist dieses „Stück" nur der erste Teil von Goetz' Trilogie „Krieg". Wobei ich schon beschämt bin, dass ich das überhaupt wage zu erwähnen, wo dieser durchgebrannte ehemalige Mediziner von modernem Autor tückischer Weise doch selbst eine Szene eingebaut hat, in der er sich lustig macht über beschränktes Aufnahmevermögen und sonstige Unwilligkeiten herkömmlicher Theaterbesucher.

Rainald Götz üben konnten wir schon vor drei Jahren, als Detlef Altenbeck dessen quietschiges Künstlerdrama „Jeff Koons" auf die Bühne stemmte. Diesmal wird es ernster, was nicht heißt, dass nicht doch viele Szenen ironisch übersteigert, sarkastisch schräg oder zum Schmunzeln wären.

Es geht in kurzen und langen Szenen um die bewaffnete Revolution, also die (Un-) Veränderbarkeit der Welt, Maschinengewehrsalven, Erschießungskommandos, um die Geschichte, um Menschenfleischgeruch, um das Weltall in Frage und Antwort, um kategorisches Gelächter, um die lächerlich eingebildeten mündigen Bürger, um die Blödheit des modernen Diskurses im Talkshow-Format - furios in der Sprache von Goetz als auch in der Coburger Darstellung durch Evelyn Heinz -, um Ansprachen an die Hirnlosen, um Lebensbewältigung durch exzessives Biersaufen, was Helen Cerwenka und Eric Weber konsequent durchhalten. Es gibt beeindruckende sprachliche De- konstruktionen heutiger heutiger Realität, gewaltiges revolutionäres Geschrei, begütigenden Quatsch, die Gedanken verhedderndes Gestammel. Wir müssen das nicht alles ständig verstehen wollen, heißt es da auch. Na gut.

Stellen wir halt fest, dass die große Truppe junger Darsteller um Sven Ruppert eine große Anzahl geschickt, nachdenklich, witzig ausgeloteter Szenen bietet und man sich ständig fragt, wie es sein kann, dass so junge Menschen so schwierige Textakrobatik schon so souverän beherrschen. Der Landestheater-Sänger Björn Bobach hat die Truppe zudem in einen mächtigen Chor von griechischer Wucht verwandelt. Und weil es so viele sind und weil ja Rollen höchstens in Fetzen zu fassen sind, listen wir in Achtung vor dem darstellerischen Kraftaufwand wenigstens auf, wer da mitmacht (soweit das in der langen Aufzählung desProgrammheftes überschaubar ist): Falko Garbisch, Michael Ebert, Constanze Rückert, Silvia Weigelt, Constantin Eckhardt, Julian Canosa, Marina Großmann, Katharina Krappmann, Lisa Wegener, Maximilan Grünewald, Mirjam Rosenthal, Melanie Bechmann, Christine Rauscher, Tomas Knödel, Vanessa Most, Johanna Berwanger, Buket Daghan, Mirjam Dick, Hannah Schilling, Lisa-Marie Sax, Verena Bauer.

Carolin Herrmann

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Neue Presse vom 27./28.Mai 2005

JUGENDCLUB DES LANDESTHEATERS ZEIGT "HEILIGER KRIEG" VON RAINALS GOETZ

Wörterkrieg als Chortheater

Begeisterter Beifall für prächtige Ensembleproduktion unter Sven Rupperts Leitung

Mit Goetz' ,Krieg' hat das schlingernde Gegenwartstheater ein intelligentes und verqueres Zeitstück für Intellektuelle (und solche, die es nicht werden wollen)".
Michael Merschmeier in „Theater heute" 12/87

20 Jahre später: Viele moderne Stücke hat das Regietheater auf- und untergehen. sehen. Manch seinerzeit Brisantes hat die Zeitenwende nicht überdauert, manches gilt inzwischen als Klassiker der Moderne. Nun hat der Jugendclub des Coburger Landestheaters Rainald Goetz' Stück „Heiliger Krieg" aus der Trilogie „Krieg" (1986; mit den weiteren Teilen „Schlachten" und „Kolik") ausgegraben. Die Bezeichnung „Heiliger Krieg" hat hier nichts zu tun mit Kriegen, die im Namen einer Religion geführt werden. Aber dennoch führt uns der Autor die Mechanismen von intellektuel­ler Verführung und kollektivem Wahn vor.

Die Visionen dreier Vordenker - dem Suff ergeben: Stammheimer und Stockhausen, der eigenen Hybris erliegend: Heidegger - wiegeln die Masse der „mündigen Bürger" auf zur perfekten Revolution und diese mündet in den Totalitarismus, einen Mord-und Spitzelstaat wie im Nationalsozialismus.

Nun ist es nicht ein Drama im üblichen Sinn, mit Dialogen, die eine Handlung vorantreiben. Vielmehr entfacht Rainald Goetz, der vielfach preisgekrönte Autor und promovierte Psychiater, einen Wörterkrieg, der in vielen kleinen und großen Szenen Sprechakte nacheinander abschnurren lässt. Dabei hat er das hohle Gefasel von Stammtischbrüdern („Hoch die Tassen", „Prost ihr Ärsche") ebenso portraitiert wie er intellektuelle Debatten mit kühnem Strich ad absurdum führt. Eine wichtige Funktion nehmen in seinem Stück die Chöre ein; ähnlich dem antiken Drama kommentieren sie das Geschehen. Ein fantastisches Spielmaterial für den Jugendclub, da hier breit zu besetzende Ensembleszenen mit Solopartien abwechseln.

Nicht nur verbale Vokabeln reiht Goetz aneinander, sondern auch musikalische. „Presto" oder „Koda" heißen einzelne Szenenüberschriften, „ Partitur" nennen Stammheimer, Heidegger und Stockhausen ihr Revolutionspapier - das infernalische Produkt ihrer Firma „RSSS". Rhythmus muss also auch die zentrale Struktur der Inszenierung sein.

Regisseur Sven Ruppert hat sich den Sänger Björn Bobach zur Unterstützung für die Erarbeitung

der Chorszenen geholt und die fantastisch aufgelegten Jugendclubmitglieder setzen die Vorgaben an Rhythmik, an Dynamik und Sprachmelodie mitreißend um. Bis in die Bewegung hinein klug kalkuliert sind die Chorauftritte der „jungen hübschen Mädchen", der „mündigen Bürger" oder der „schwer bewaffneten Soldaten". Zum Highlight chorischer Interpretation wird das „Gloria" auf das Theater - den „Weltnichthabeort", den „Wahrheitsvernichtungsort", den „Mordort", „Totort". (sic!)

--Tempo und optische Kontraste--

Auch auf Tempo und Kontrast setzt die szenische Komposition. Die zuckersüßesten aller Schlager leiten über von schrägen Wirtshausszenen zu brutalen Erschießungskommandos, moderne Maschinensounds bereiten den stampfenden Monolog „Texas Chainsaw Massacre" vor, worin wiederum Kinobilder über das Medium Sprache zu Bildern im Kopf werden.

Bühnenbild und Ausstattung hat Sven Ruppert mit den Jugendclubberern erarbeitet. Die schwarze Bühne wird von einer Projektionsleinwand (für Szenentitel und Schatten) und dem breiten Bartresen mit rotem Lichterband strukturiert. Abwechslungsreiche Lichtstimmungen setzen die zahlreichen Szenen voneinander ab. Weiß-beigefarbenen Einheitsoutfits für die Chöre werden mit bunten T-Shirts, Kampfjacken oder Mädchenkleidern situations- und rollenbezogen akzentuiert. Frische Make-up-Effekte beweisen Einfallsreichtum.

Schon zur Pause ist man fasziniert von der beeindruckenden Leistung der Mitspieler. Und nach überhaupt nicht langen zweieinhalb Stunden Spieldauer spendete das Premierenpublikum am Mittwochabend langen und herzlichen Beifall für eine in allen Positionen grandiose Leistung.

In den Solorollen begeisterten Eric Weber (Stammheimer) und Helen Cerwenka (Stockhausen), die am Tresen ein Bier nach dem anderen heben, Falko Garbisch (Heidegger), der dem Intellektuellen die nötige Portion Abgeklärtheit mitgibt, Evelyn Heinz (Verantwortlicher Mündiger Bürger), die diese Denkhülsen und Wortplatituden mit wahrer Virtuosität über die Lippen perlen lässt, und Constanze Rückert (Stampfen) mit ihrem das Wort zelebrierenden Monolog „Texas Chainsaw Massacre".

Chapeau für den Jugendclub! Diese Aufführung sollten Sie nicht verpassen! [...]

Heidi Höhn

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