Neue Presse Coburg vom 07.05.2007

Tyrannei und Leberwurst

„KÖNIG UBU“ IN DER COBURGER REITHALLE

Jugendclub des Landestheaters beweist Lust an Slapstick und schrillem Spiel

Der Physiklehrer per se ist eine besondere Figur in jeder Schülervita. Der Bretone Alfred Jarry (1873-1907) hat ihm – als 15-Jähriger zunächst in einem Marionettenspiel, später dann in einer absurden Farce – zu schrillen Bühnenehren verholfen.

Dass der Jugendclub des Coburger Landestheaters sich auf ein solches Stück stürzt, mag zum Teil auf die Pennäler-Analogie zurückzuführen sein. Viel mehr jedoch auf die Tatsache, dass „König Ubu“ zahlreiches Personal benötigt, und so jeder und jede der jungen Mitspieler in kleinen und großen Rollen sowie als Ensemble maßgeschneiderte Aufgaben findet. Vor rappelvollem Haus erlebte das Stück am Freitagabend seine begeistert aufgenommene Premiere in der Reithalle.

Das Bühnenbild „geklaut“ von Herrn Kolpert, die Kostüme aus heimischen Kleiderschränken und Theaterfundus zusammengestellt, den Regisseur Sven Ruppert sowie die Technik „ausgeliehen“ vom Profi-Ensemble – so ließen die Theaterclubberer ein Spiel entbrennen, das eines nicht ist: langweilig! Voller Energie und Lust auch am schrägsten Spiel, voller Ideen und Improvisationsfreude legen hier 19 junge Leute los, den Coburgern ein Stück zu zeigen, dass leider nur selten auf den Spielplänen zu finden ist.

Schon die Uraufführung von „Ubu Roi“ 1896 wurde zum Skandal. Das Publikum irritiert, der Kritiker entsetzt: „Im Grunde ist König Ubu nur ein Gewebe aus Dürftigkeiten, mit maßlosen Fäkalspäßen eines flachen Geistes.“ Das Stück verschwand in der Versenkung und erst die Dadaisten verhalfen diesem Vorläufer des absurden Theaters zu einer Renaissance. Sie erkannten, was Bürgerschreck Jarry wollte: Mit Ubu hielt er den Leuten ein Zerrbild des ewigen Spießers vor, der in seiner Maßlosigkeit und Monstrosität der Prototyp eines jeden Diktators ist.

Ubu ist „schmutzig, ungehobelt, gefräßig, habsüchtig und feige, das ist alles“, um noch mal bei der Ur-Kritik zu bleiben. Angestachelt von Frau Ubu stürzt der Dragonerhauptmann Ubu den König (in dem Land Polen, das hier als Nirgendwo gilt), meuchelt anschließend alle Adeligen und Beamten, schröpft die Bürger und errichtet ein Schreckensregime. Doch nicht um Macht und Anerkennung geht es Ubu: er bereichert sich, um Leberwurst zu essen. Als Ausgeburt des Bösen ist er zugleich lächerlich banal, der Schrecken schlägt um in makabre Komik.

Nicht nur durch Handlung und Dramaturgie hintertrieb Jarry klassische Prinzipien, auch im Text provoziert er, wo er kann. Ein kleiner Buchstabe verändert und schon wird „merdre“ (hier übersetzt: „Schoiße“) zum durchgängig benutzten Stilmittel.

Wenn Soldaten zu Rammböcken werden

„König Ubu“ knüpft an das Possenspiel des französischen Jahrmarkttheaters an, verwendet das Maskenspiel, um dem Bösen die Maske zu entreißen. Das ist natürlich eine tolle Vorlage für die jungen Spieler des Jugendclubs, denn alles ist möglich: große Heldenpose und schrille Parodie, Improvisation und Verkleidung, Klamauk a la Monty Python und Slapstick. Regisseur Sven Ruppert hat mit ihnen gemeinsam ein temporeiches, witziges, unterhaltsames Spiel entwickelt, bei dem Mohrenköpfe fliegen und Wasser schwappt, Säbel klirren und „Rocky“-Fanfaren ertönen, Geister heulen und Soldaten zu Rammböcken werden. Ich will gar nicht mehr verraten, das müssen Sie selbst gesehen haben! Eines ist sicher: Es bleibt kein Auge trocken!

Als Vater Ubu im Mittelpunkt agiert Constantin Eckhardt köstlich souverän. Mutter Ubu erhält von Melanie Bechmann den Anstrich einer US-Seifenoper-Tussi, bei deren Skrupellosigkeit sogar die Desperate Housewives einpacken können. Helen Cerwenka kommandiert als Hauptmann Bordure ein schräges Regiment aus Cowboys. Philipp Haugwitz schlüpft unter anderem in den königlichen Bademantel von König Wenzeslas.

Mit der Schwere von Schwert und Sohnespflicht kämpft Bougrelas, der den feigen Mord an seiner königlichen Familie rächen will. Rettung kommt schließlich durch Zar Alexis (Buket Daghan). Doch auch alle anderen Mitspieler haben in vielen weiteren Rollen pfiffige, schräge, zu Tränen rührende oder als Kabinettstückchen ausgefeilte Auftritte, die alle Sonderapplaus verdient haben. Mit solchem geizten auch die Premierenbesucher nicht: Jubel über Jubel für den Jugendclub.

Heidi Höhn


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Coburger Tageblatt vom 97.05.2007

Bunter Reigen entlarvender Pointen

Der Jugendclub des Landestheaters spielte Alfred Jarrys „König Ubu“ in der Regie von Sven Ruppert.

Enthusiasmus kann Berge versetzen. Enthusiasmus kann aber auch Theaterstücke verwandeln. Alfred Jarrys „König Ubu“ taugte einst bei der Uraufführung 1896 zum Skandal. Bei der Coburger Neuinszenierung im Theater in der Reithalle freilich erweist sich „König Ubu“ als die perfekte Vorlage für einen Abend voller ungetrübter Spielfreude.

Denn unter der Regie von Sven Ruppert spielt sich der Jugendclub des Landestheaters bei der Premiere am Freitag fast in einen Rausch. Ein flaches Podest, das sich mit wenigen Handgriffen variieren lässt für diverse Auf- und Abtritte, dazu allerlei sprechende Requisiten, vor allem aber eine Schar bestens motivierter und einfühlsam geführter Jung-Darsteller – mehr braucht es eigentlich gar nicht für einen gelungenen Theaterspaß ohne unverträgliche Nebenwirkungen.

Letzteres allerdings ist bei diesem Stück eine durchaus überraschende Erfahrung. Denn natürlich ließe sich Jarrys Burleske auch mit lastender Bedeutungsschwere aufladen. Mit moralisierendem Regie-Zeigefinger ließe sich räsonieren über die erschreckende Banalität des Bösen, über die Skrupellosigkeit eines zum Diktator aufgestiegenen Kleinbürgers. Sven Rupperts in vielen gelungenen Details immer wieder einfallsreiche Regie aber verzichtet auf jede belehrende Attitüde.

Ohne das Stück damit ungebührlich verharmlosen zu wollen, nutzt Ruppert „König Ubu“ vielmehr zunächst als dankbares Vehikel, um die Mitglieder des Theater-Jugendclubs in einer bemerkenswerten Fülle von Rollen wirkungsvoll auftreten zu lassen. In der Titelpartie als Vater Ubu begeistert Constantin Eckardt mit stets präsentem Spiel die Zuschauer in der ausverkauften Reithalle. Sein Ubu ist ein feiger Despot, der in einem Moment bedenkenlos über Leichen geht, um schon im nächsten Augenblick aus panischer Angst am liebsten im Erdboden versinken will.

Als Mutter Ubu stachelt ihn Melanie Bechmann immer wieder zu neuen Schandtaten an, um Macht und Reichtum zu sichern. Zusammen wirken Vater und Mutter Ubu wie Macbeth und Lady Macbeth in grotesker Verwandlung. Pathos und Ironie, temporeiche Turbulenz und wirkungsvoll in Szene gesetzte entlarvende Pointen verbinden sich zu einer kurzweiligen Aufführung, die trotz einer Spieldauer von rund zwei Stunden kaum Längen aufkommen lässt. Fraglos ein Verdienst von Rupperts Regie ist es, einerseits auf eine geschlossene Ensembleleistung zu achten und andererseits den jungen Talenten immer wieder Gelegenheit zu wirkungsvollen Auftritten zu bieten. Das Publikum dankt mit ausdauernd begeistertem Beifall.

Jochen Berger


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