Kritiken

Coburger Tageblatt vom 05.Juni 2001

Einsame Engel unter den Passanten

Traumtänzerisches Spiel in der Coburger Reithalle: Premiere beim Jugendclub

Engel bleiben einsam. Verführt vom Traum von der Liebe unter den Menschen, fallen sie gelegentlich unter die Menschen - und bleiben gefallene Engel, heutzutage nicht mehr böse, sondern unendlich traurig über die totale Kommunikationslosigkeit und Beziehungsunfähigkeit von Männern und Frauen. Das ist so in Wim Wenders wunderbarem Film "Der Himmel über Berlin. Das bleibt so in Moritz Rinkes "Männer und Frauen", das der Jugendclub des Landestheaters Coburg jetzt in der Reithalle herausgebracht hat.

Wieder ein Stück über die Menschen von heute, in der Sprache von heute. Wieder hat der Jugendclub, diesmal in der Regie von Peter Molitor, Mut bewiesen. Denn Moritz Rinke, 1967 in Worpswede geboren, ist ein junger Autor, der das schicke Geplärre zwischen manischem Sex und Psychokacke, das für viele "modernes Theater" ausmacht, hinter sich lassen will. Das 1999 in Hannover uraugeführte Stück "Männer und Frauen bewegt sich in der Nähe von Bodo (Botho, Anm. d. Red.) Strauß, schwebt aber mühelos in eine träumerische Leichtigkeit voll schmerzender Poesie, ausbalacierendem Lächeln und einem neuen Staunen vor der Mystik hinter den Dingen. Wobei nun derzeit wiederum Engel schick sind.

Bekanntlich ist auf der Bühne nichts schwerer als die Leichtigkeit. Und da darf man wieder einmal staunen über den Jugendclub, der - selbsverständlich im Rahmen seiner Möglichkeiten - mit inszinatorischem Einfallsreichtum, unverkrampften Sinn für Stimmungen und der Kraft zum melancholischen Träumen verführt. Ein bischen zu lang allenfalls geriet diese schöne Produktion.

Der Engel Heinrich entdeckt auf Erden den Toaster und die Currywurst, ist aber wenig erfolgreich in seinen Versuchen als Glücksfee: Der "homo faber" Martin Goldmann bleibt damit beschäftigt, ein neuronales Netz, Gefühle, in Tomatenmark zu erzeugen. Gefühle zu den ihm vom Himmel geschickten Frauen sind ihm zu kompliziert. Paare, Passanten, groteske Monologe über Kreuz. Die ganze weite Ebene des männlich-weiblichen Desasters eben. Sehr komisch in Moritz Rinkes leicht fließenden Szenen, rührend und traurig.

Als entzückender Engel Heinrich taumelt Sbastian Grünewals mit jenseitigem Blick und schmerzlicher Einsamkeit im Körper zwischen den wollweißen, traumwolkigen Stoffbahnen. Das Bühnenbild von Peteer Molitor und Sven Ruppert (Kostüme Esther Krämer) schafft in seiner raffinierten Leere den idealen Projektionraum der vergeblichen Wünsche und Sehnsüchte.

Die Kaft zu solchen Nuancen der Orientierungslosigkeit, wie sie auch Amelie v. Grundher als "die Verlorene" zwischen die Figuren streut, hält die Balance im Spiel. Sven Ruppert ist der dritte dieser verlorenen Engel auf Erden, die Irritation bleiben und wenigstens die Sehnsucht wach halten in den Menschen. Und wie nun wieder Hannes Horneber als beziehungsunfähiger Wissenschaftler in dieser Irritation hängt, ist so schön grotesk. Horneber und Grünewald, Mensch und Schutzengel der Liebe, sind ein wunderbares Paar.

Kilu v. Prince, Ramona Petrov und Elisabeth Fromme spielen engagiert drei unterschiedliche Frauentypen, nach denen Martin Goldmann am Ende doch immer vergebens greift. Das herzlich im Streit vereinte Paar sind Rilana Hofmann und Simon Klüpfel. Lisa Fischer, Katharina Häs, Kathrin Skiba, Volker Wirth, Till Oppel und Ellen Baier vervollständigen das ambitionierte Ensemble.

"Jeden Monat, in dem ich kein Kind zeugen will, geht sie eine Katze kaufen." So ist das zwischen Männenrn und Frauen.Daran scheitern selbst Engel.

Carolin Hermann


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Neue Presse, Samstag, 27. Mai 2002

Mit den Frauen kommt Farbe ins Spiel

Begeistert aufgenommene Premiere des Jugendclubs des Landestheaters: Moritz Rinkes "Männer und Frauen"

Die Coburger Reithalle war bis auf den letzten Platz besetzt, als der Jugendclub des Landestheaters Moritz Rinkes Stück "Männer und Frauen" vorstellte. Daß Regisseur Peter Molitor mit dem Stück ein guter Griff gelungen ist, zeigte der tosende Applaus am Ende der Aufführung. Nicht nur das Stück hatte am Samstagabend Premiere, sondern auch der 17-jährige Sebastian Grünewald, für den es seine erste Hauptrolle war. Er überzeugte in der Rolle des Engels Heinrich, für die er besonders viel Applaus erhielt. Auch Hannes Horneber (21) wurde für seine Leistung als Martin Goldmann mit reichlich Applaus bedacht.
Dem Gehirnforscher Martin Goldmann läuft seine Freundin Marie (Lisa Fisher) weg, weil er nichts anderes als die Neurologie kennt. Gott (gesprochen von dem achtjährigen Till Oppel), der sich selber als alt und klapprig bezeichnet und kaum noch die Fäden in der Hand halten könne, schickt den Engel Heinrich auf die Erde. Dieser soll dem nach Karriere strebenden und beziehungsunfähigen Single Goldmann zu der passenden Freundin verhelfen. Eine nicht gerade leichte Aufgabe, denn Heinrich ist in Liebesangelegenheiten als Engel ebenfalls undbedarft. Er ist nicht einmal mit den Raffinessen der modernen Welt , wie Handy oder Faxgerät vertraut. Zwei alte Bücher über die Griechen und ihre Götter sollen Engel Heinrich bei seinem delikaten Auftrag weiterhelfen. Mittels Diabildern gehen Heinrich und Martin auf Partnersuche. Bereits mit der ersten Kandidatin, der kühlen und interlektuellen Dagmar (Kilu v. Prince), treten einige Zeit später Beziehungsprobleme auf, da sie nur über ihre Arbeit und Marketing redet, während Martin Experimente mit Tomatenmark macht, um den Nobelpreis für seine Forschungen in der Neurologie zu erhalten. Ein krasser Gegensatz dazu ist die romantische Natalie (Ramona Petrov), eine Psychologin. Sie fragt sich, welches ihre Sprache ist. An einem Tag halte sie sich für eine unnütze Person, an einem anderen halte sie sich zu etwas berufen, wisse aber nicht wofür. Mit ihren Gefühlen und ihrer Sehnsuht kommt Martin auch nicht zurecht und so geht die Suche weiter. Ist Jenny (Elisabeth Fromme), mit der Martin schließlich in Urlaub fä_;hrt, die Richtige? Was ist mit Angela (Amelie von Grundher), die neben Martin als erste den Engel Heinrich sieht und in ihm Gefühle weckt? Welhe Rolle spielt der geheimnisvolle Angelo Hoffmann, den Sven Ruppert mimt, der auch für das Bühnenbild und die Musikauswahl verantwortlich war.
Nach der Pause spitzt sich die Handlung immer mehr zu. Das Ende lässt Fragen offen und regt den Zuschauer zum Nahdenken an. Manche der handelnden Personen treten immer wieder auf, oft zu scheinbar unpassenden Zeiten. Aber da Autor Moritz Rinke und auch Regisseur Peter Molitor bei dem Stück mit Symbolen arbeiten, steckt hinter den zufälligen Auftritten doch mehr.
Das Stück zeigt Tiefgang und lässt sich auch nach der Aufführung nicht eindeutig in eine Schublade einordnen. Es weist Elemente einer Tragödie auf, hat aber auch humorvolle Szenen. Es ist aber nicht die Art von Humor, die das ganze Publikum in schallendes Lachen ausbrechen lässt. Dazu ist wohl der Bezug zur Realität, wo die Liebe immer mehr erkaltet, zu deutlich. So sind auch die Personen durchaus realitätsnah ausgesucht, wenn auch eine Nance überspitzt dargestellt. Angela ist schon für sich eine Allegorie der Liebe, die von Martin als etwas negatives dargestellt wird. -er bezeichnet sie sogar als "Spinne", die alle in ihr Netz ziehen will. Jede Person drückt für sicht etwas aus und erlebt im Laufe des Stücks eine Veränderung, auf die der Zuschauer gespannt sein kann. Ob Heinrichs Auftrag von Erfolg gekrönt ist, soll hier nicht verraten werden.
Ein weißer Vorhang, weiße Wände, weißer Boden und eine weiße, freistehende Tür bilden im Wesentlichen die Kulisse des ganzen Stückes. Der Regisseur arbeitet nur mit sehr wenigen Requisiten. So gibt es einen Stuhl, einen Tish und eine Bank, ebenfalls in Weiß. Fax, Anrufbeantworter und Heinrichs Anzug sind Schwarz. Auch Dagmar ist schwarz gekleidet. Mit dem ersten Dia kommt Farbe dazu und wird immer mehr. Die Farbe wird vor allem durch die verschiedenen Frauen ins Spiel gebracht und weisen auf die Gefühle hin, die zunehmen. Die Kühle, die Anfangs durh die weiße Kulisse ausgestrahlt wird, wird nach der Pause durch gelbes Scheinwerferlicht, das die Romantische Stimmung spiegelt, aufgehoben.

Marita Müller

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