Kritiken

Coburger Tageblatt vom 02.Mai 2005

Nachtfahrt durch den Sozialkosmos

Jugendclub des Landestheaters zeigt eigenes Mystery

Bielefeld. Bie-le-feld. Das Mysterium. Führt die Nachtfahrt wirklich nach Bielefeld? Was, wenn es Bielefeld gar (nicht) mehr gibt? Die im Zugabteil aus unerfindlichen Gründen eingeschlossene Gruppe von Reisenden bleibt sich und ihren Ängsten, ihren Phobien, ihren eigenen Abgründen ausgeliefert und verfällt allmählich dem Wahn.

Zum zehnjährigen Bestehen des Jugendclubs am Landestheater Coburg hat die sehr muntere Truppe erstmals ein eigenes Stück auf die Reithallenbühne gebracht. Und wer meinte, ein niedlich-amüsantes, laien-gestricktes Naivum präsentiert zu bekommen, konnte zur Premiere am Freitag sein blaues Mysterium erleben."Nachtfahrt" ist ein bisschen lang, ansonsten aber eine erstaunlich spannende, dramaturgisch geschickt aufgebaute Story, die von den 18 Mädchen und Jungen unter Leitung von Sven Ruppert und Peter Molitor selbst entwickelt wurde. In dem abgehängten Zugabteil - ein wunderbar einsichtiges Bühnenbild mit den echt-schäbigen, Plastikbezogenen Bänken der Bundesbahn - sind die unterschiedlichsten Charaktere zueinander gesperrt. Ein packender Sozialkosmos entfaltet sich: die kleinen Mädchen auf Shopping-Tour neben dem saufenden Prolo, die Psychologin mit Patientin, neben der jungen Mutter, die nach Hause zu ihrem Sohn will, das schöne Model, das während des langen Wartens ohne Drogen in sich zusammenbricht, die angehende zupackende Ärztin, die kaltschnäuzig dirigiert... Egoismus, Bösartigkeiten, Gefühlskälte, aber auch Hilfsbereitschaft und Anteilnahme entfalten sich unter dem psychischen Druck, lange eigesperrt zu sein und nicht zu wissen, warum - und natürlich viele komische Szenen.

Die unterschiedlich Charaktere sind bisweilen skurril, insgesammt aber ernstgenommen und interessant vielschichtig, ausgelotet, dazu von den Laienspielern in erstaunlich homogener Leistung und überzeugendem Miteinander dargeboten. Der Jugendclub des Landestheaters beweist mit dieser Produktion einmal mehr, dass auch von Nichtprofis packendes Theater kommen kann. (wobei, das muss man sagen, der künstlerische Leiter Sven Ruppert mittlerweile zu den Profis zu zählen ist.)

Warum also kümmert sich niemand um die eingeschlossenen? Unfall, Atomkrieg, Verbrechen? Ein Hubschrauber donnert im Dunkeln über den vollbesetzten Zuschauerraum. Bleibt cool, Leute. Verschwörungtheorien machen sich breit, Gruppenbildung setzt ein. Dann eskaliert die Situation... Ein bisschen wahnwitzig darfs schon werden.

Carolin Hermann


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