Vorbericht

Coburger Tageblatt vom 18.04.1998

Der Jugendclub des Landestheaters kann seine Fassbinder - Vorliebe nicht verleugnen

Zwei junge Männer küssen sich. Auf den Mund und auf der Bühne. Der Jugendclub des Landestheaters, eine lose Vereinigung begeisterter Theateramateure, probt sein neues Stück "Tropfen auf heiße Steine" ein Werk des früh verstorbenen Filmemachers und Dramatikers Rainer Werner Fassbinder. Fassbinder hat in diesem Werk die eigenen Erfahrungen mit der Homosexualität verarbeitet. Geschrieben hat er es schon in den 60er Jahren, uraufgeführt wurde es erst im Jahr 1985.

Auf die Probebühne der Reithalle wurde ein Sofa und ein Tisch gestellt, und während draußen die Kaffeemaschine blubbert " wer viel probt, braucht viel Kaffee " gibt Inspizientin Delia Schult den Auftakt zum ersten Akt. Sven Ruppert alias Franz Meister erscheint auf der Bühne. Er wurde von einem freundlichen Mann namens Leopold Bluhm (Thorsten Köhler) auf der Straße angesprochen und nach Hause eingeladen.

Zwischen den beiden Laienakteuren entwickelt sich ein angeregter Dialog. Gestik und Mimik wirken professionell. Sven Ruppert ist schon seit der Gründung des Jugendclubs vor drei Jahren dabei. Er spielt als Franz einen jungen Mann, der sich über seine geschlechtliche Orientierung noch nicht im klaren ist. Dies hat Leopold, ein seine Neigung auslebender schwuler, wohl intuitiv gespannt. Geschickt bringt er den jungen Mann dazu, über seine sexuellen Vorlieben nachzudenken. Franz, der eigentlich mit seiner Verlobten zusammenziehen wollte, entschließt sich, mit Leopold zu schlafen. Der erste Akt des Stückes endet: Die beiden küssen sich und verschwinden im Schlafgemach. Vorhang.

"Der Text kommt mit der Handlung" Sven Ruppert

Regisseur Peter Molitor, er verfügt als einziger über eine professionelle Ausbildung, erklärt, daß es im weiteren Verlauf nicht mehr ganz so ernsthaft zugeht. Fassbinder schildert in dem Stück, wie in homosexuellen Beziehungen die gleichen Rollenmuster ausgelebt werden, die auch in heterosexuellen Beziehungen existieren. "Der eine ist das Hausmütterchen, der andere schafft das Geld an", beschreibt Peter Molitor. Zwischen 15 und 30 Jahre alt sind die Mitglieder des Jugendclubs - Schüler, Zivildienstleistende, Studenten, aber auch junge Beamte. "Uns verbindet die Liebe zur Schauspielerei", erklärt Sven Ruppert, der neben der Hauptrolle des Franz auch den Part der Dramaturgen übernommen hat.

Peter Molitor weist im Gespräch darauf hin, daß die Arbeit am Stück sehr intensiv gewesen sei. Es spielen nur vier Charaktere. Neben den beider erwähnten Akteuren agieren Britta Claus als Anna und Pia Leonhardt als Vera auf der Bühne.

"Beim nächsten Stück, einer Farce von Dario Fo, die wir im Juni aufführen, gibt es dann 23 verschiedene Rollen. Da läuft es wieder ganz anders", erläutert Peter Molitor. Die Arbeit mit den Laien empfinde er als sehr anregend, er, der normalerweise den Umgang mit professionellen Schauspielern gewöhnt ist.

Mit "Tropfen auf heiße Steine" wagt sich der Jugendclub zum zweiten Mal in Folge an ein Werk von Fassbinder. Mit "Anarchie in Bayern" ernteten sie im vergangenen Jahr Erfolge bei den Bayerischen Theatertagen. Mit dem lernen langer Textpassagen hat Sven uppert kein Problem. "Der Text kommt mit der Handlung", sagt er. Die Szenen werden grob angelernt und dann beim Proben verfeinert.

Allerdings, ein Problem hat Sven Ruppert in den drei Jahren seines Amateurschauspielerdaseins noch nicht überwunden: Das Lampenfieber. "Ich bin tierisch nervös", meint er im Hinblick auf die Premiere des Stückes am morgigen Sonntag im Theater in der Reithalle(20 Uhr).<> Es wird schon werden. Ein richtiger Amateur ist er ja eigentlich auch nicht mehr. Sein FH-Studium hing er an der Nagel und arbeitet jetzt als Regieassistent am Landestheater.

"Licht aus", gibt Inspizientin Delia nach dem ersten Akt an. Probenpause. Die Kaffeetassen werden gefüllt, Zigaretten angezündet und Delia setzt sich ans Klavier und spielt ein paar Takte aus Celine Dions Titanic - Lied. Eine leidenschaftliche Untergangs - Ode ist das. Nein sie ist nicht symbolisch gemeint. Weil: Lustig ist das Schauspielerleben!

Christian Göller




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Kritiken

Neue Presse vom 21.04.98

Wer liebt, hat schon verloren
Jugendclub inszenierte Fassbinder - Frühwerk "Tropfen auf heiße Steine"

Cooler Kotzbrocken verführt sensiblen Jüngling. Kurz ist die Lust, öde der Alltag und grausam das Ende. Wer liebt, hat schon verloren, postuliert mit galligem Hohn Rainer Werner Fassbinder in seinem vermutlich ersten Stück " Tropfen auf heiße Steine". Vordergründig erzählt er eine schwule Variante des geläufigen Beziehungdreisprungs (Aufriß, Alltag, Abschied), darunter lauern Elementarbotschaften eines früh desillusionierten, der seinen Figuren allerhand autobiographische Züge verpaßte. 20 Jahre nach der Entstehung (und drei Jahre nach Fassbinders Tod) wurde das tragikomische Beziehungsdramulett 1985 entdeckt, prompt beim Münchner Theaterfestival uraufgeführt - und rasch wieder vergessen.

Nun hat sich der Jugendclub des Landestheaters an dem Fassbinderschen Frühwerk versucht -sehr zum Vergnügen des Premierenpublikums, das die jungen Amateurakteure am Sonntag Abend in der Reithalle gebührend feierte. Das Laienteam um Profiregisseur Peter Molitor nimmt die krude Komödie mit Pseudotragischem Ende" nicht schwerer, als sie ist, reizt Fassbinders Spiel mit Klischees unbefangen aus und würzt die zynische Story mit geradezu Loriotschem Humor.

Das funktionierte auch zwei Akte prima: Die Annäherung und Entfremdung der beiden so gegensätzlichen Männer Leopold und Franz steckt voller amüsanter und auch anrührender Momente. Die Eskalation des Dramas allerdings läuft denn doch aus d em Ruder: Das Bersten der morschen Zweisamkeit (unter williger Anteilnahme der Ex - Freundinnen Anna und Vera), gerät zur grotesken Klamotte.

Daß die Beziehungskiste Sargqualitäten hat, verrät schon das gruftige Ambiente. Schwarz in schwarz deucht das vom Kunstlederschick der späten 60er erfüllte Heim des dubiosen Geschäftsmanns Leopold wie ein Endlager der Emotionen. Daß es ihm hier mit routiniertem Charme dennoch gelingt, den jungen Franz zielstrebig zum Coming Out zu lotsen (Und anschließend sogar zum treusorgenden Heimchen am Herd zu degradieren), ist zwar nicht sehr plausibel, Aber die Rituale der Eroberung und Erniedrigung werden gewinnend gespielt von den beiden Hauptdarstellern.

Sven Ruppert als Franz: ein Junge auf der Suche("Ich will Schauspieler werden, oder etwas ähnliches"), der seine Unsicherheit und Verletzlichkeit mit schwarzem Existentialisten - Outfit zu kaschieren trachtet. Diffus sind seine Visionen, scheu und zugleich neugierig läßt er sich auf die Avancen des älteren Leopold ein. Den spielt Thorsten Köhler (im kuriosem lila Anzug) kraft -und effektvoll als agilen Prae-Juppie, selbstbewußt und zwielichtig, ein Pragmatiker in Liebes - und Geschäftsfragen. Rasch entpuppt sich der balzende Smarty als polternder, nörgelnder Pascha, der seine Launen am Partner ausläßt, dessen er längst überdrüssig geworden ist. Rentabilitätsrechnungen sind ihm allemal wichtiger als Franz‘ Gedichte. Die gängigen Streit - und Versöhnungsmuster führen Thorsten Köhler und Sven Ruppert mit sanfter Ironie vor, bis die Sache schließlich recht ungestüm ihrem "pseudotragischen Ende" entgegenpoltert.

Anna (Britta Claus), versucht Franz zurückzugewinnen, erliegt allerdings der erotische Aura Leopolds, der seinerseits gerade seine Verflossenen Vera (Pia Leonhardt) reaktiviert. Vom melodramatischen Dahinscheiden Franz‘ zeigen sich die drei wenig beeindruckt. Ein Tropfen auf den heißen Stein eben.

Stürmischer Applaus für das ambitionierte Team , vor allem für Sven Ruppert und Thorsten Köhler, die obendrein das witzig-informative Programmheft sowie das Plakat zur Jugendclub - Produktion schufen. ...

Dieter Ungelenk




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