"Geliebte Aphrodite" von Woody Allen

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Woody Allen

Geliebte Aphrodite

Für die Bühne bearbeitet und übersetzt von Jürgen Fischer

Uraufführung: 22. November 1997, Theater der Landeshauptstadt, Magdeburg

Inszenierung: Peter Molitor
Bühnenbild: Thorsten Köhler
Choreographie: Jaroslaw Jurasz
Kostüme: Stefanie Kirchner/Thorsten Köhler
Dramaturgie: Andreas Flack
Regieassistenz: Andreas Flack
Inspizienz: Meike Jordan
Souffleuse: Kerstin Kroner

Premiere: 23. Mai 1999
Beginn: 20.00 Uhr -Eine Pause- Ende: ca. 22.00 Uhr
Technische Leitung: Norbert Ernst - Beleuchtung: Thilo Schneider - Requisite: Klaus Sauerteig - Maske: Elvira Fischer - Ausstattungsleitung: Andreas Rank - Leiterin der Kostümabteilung: Isolde Lehofer - Kostüm-Assistenz: Stefanie Kirchner - Gewandmeisterinnen: Anna Ru- di/Margareta Gulich - Herstellung der Dekoration in den eigenen Werkstätten.

Aufführungsrechte: S. Fischer Verlag, Frankfurt

Impressum: Landestheater Coburg - Intendant Norbert Kleine-Borgmann - Spielzeit 1998/99 - Programmheft zu Woody Allen "Geliebte Aphrodite" - Redaktion und Gestaltung: Andreas Flack und Timo Knauer - Plakat: Thorsten Köhler - Fotos: Timo Knauer und Andreas Flack - Herstellung: DCT Coburg

Chorführer: Timo Knauer
1. Chormitglied: Julian Lang
2. Chormitglied: Alexandra Baudler
3. Chormitglied: Rilana Hofmann

Laius: Andreas Flack
Jokaste: Amelie von Grundherr
Kassandra: Marie von Grundherr
Teiresias: Christiane Knorr
Bote: Amelie von Grundherr
Ödipus: Andreas Lösch

Lenny Weinrib: Sven Ruppert
Amanda Weinrib: Ramona Petrov
Max Weinrib: Till Oppel

Bud: Hannes Horneber
Ellie: Stephanie Geidies

Linda Ash: Britta Claus

Carolyn: Gizla Karaali
Rick: Julian Lang
Jerry Bender: Andreas Flack
Kevin: Florian Grosch
Don: Peter Molitor
Joe: Andreas Lösch


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Texte zum Stück



Never Play Cards With Konigsberg

Am 1. Dezember 1935 wurde in Brooklyn, NYC, Stewart Allen Konigsberg geboren. Sein Vater Martin, ein arbeitsloser Diamantenschleifer, und seine Mutter Nettie lebten in Flatbush, einem stark jüdisch geprägten Viertel. Sie waren keine orthodoxen Juden, doch sie schickten ihren Sohn acht Jahre lang auf eine hebräische Schule. Stewart nutzte diese Zeit zur eingehenden Beschäftigung mit Baseball, Basketball und Boxen. Über die Public School 99 führte seine Schullaufbahn zur Midwood High, wo "Red", so der Spitzname des schmächtigen Rotschopfs, zum ersten mal auf sich aufmerksam machte, und zwar durch sein außergewöhnliches Talent für Kartenspiele (siehe Überschrift, ein geflügeltes Wort in der Midwood High).

Er entwickelte ein gewisses Interesse für das Theater, vor allem aber für das Kino und die Radioshows der Vierziger, wie "Duffy's Tavern" oder "The Great Gildersleeve". Und er spielte täglich bis zu zwei Stunden Klarinette. Um sein Taschengeld etwas aufzubessern begann er, Gags für die Agentur David O. Alber zu schreiben, die an Kolumnisten großer Tageszeitungen verkauft wurden. Durch sein Talent und Beziehungen durfte er bald dem Entertainment-Stars wie Sid Caesar zuarbeiten. Sechzehn Jahre alt und frisch im Showbusineß beschloß Konigsberg, fortan den Künstlernamen Woody Allen zu tragen.

Trotz seines einträglichen Jobs belegte er, seinen Eltern zuliebe, einen Communications Arts Course an der New York University, zu sehen war er dort kaum. Einzig prägendes Ereignis seiner "Studienzeit" war vermutlich der Rat seines Dekans, einen Psychoanalytiker aufzusuchen. Aber er hatte momentan ganz andere Sorgen:

Woody, dessen gesammelte Bildung aus Comics, Radiosendungen und Marx-Brothers-Filmen stammte, zog es immer wieder zu intellektuellen Frauen. Müßig zu erwähnen, daß seine Chancen miserabel waren. Also nahm er Privatstunden, um seine kulturellen Defizite aufzuholen. Die Taktik ging auf: Prompt landete er bei der Philosophiestudentin Harlene Rosen. Sie war sechzehn, er neunzehn, sie beschlossen, zu heiraten. Das junge Paar zog nach Manhattan und Woody stieg vom Gagzulieferer zum Drehbuchschreiber auf. Die Ed Sullivan Show, die Tonight Show und einige andere gehörten zu seinen Abnehmern. 1957 trat er, nominiert für den Emmy, das erste Mal aus dem Schatten seiner Auftraggeber und vor die Linse einer Kamera.

Ungefähr zur gleichen Zeit ging seine Ehe mit Harlene in die Brüche. Bis sie ihn 1969 auf zwei Millionen Dollar verklagte, war sie der Hauptgegenstand seiner Gags, die er mittlerweile auch als Prosa veröffentlichte. Er begann, Theaterstücke zu schreiben und aufzuführen, aber sein neuer Ehrgeiz war es, Stand-Up-Comedian zu werden, eine Gattung von Alleinunterhaltern, die Mitte der Fünfziger in Mode kam.

Sein erster Auftritt 1960 im Greenwicher Nachtclub Duplex geriet zum Fiasko. Seine Manager hielten ihn für den schlechtesten Komiker, der je zu sehen war. Aber gemeinsam gelang es ihnen, aus diesem schüchternen und linkischen Auftreten eine Masche zu machen und so einen unverwechselbaren Stil zu kreieren, der Allen zum Geheimtip avancieren ließ. Es brauchte seine Zeit und sicher auch einige Überwindung, aber Konigsberg machte aus sich im Laufe der Jahre die Kunstfigur Woody, die bis heute nahezu unverändert in all seinen Filmen vorkommt.



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Verbrechen und andere Kleinigkeiten

Die Geschichte der griechischen Mythologie ist eine Geschichte voller Mißverständnisse...



Die Erde, verkörpert durch die Göttin Gaia, war sauer auf ihren Ehemann Uranos, dem Himmelsgott, der jede Nacht kam, um sie zu begatten. Die Kinder, die so entstanden, konnte er nämlich nicht leiden und deshalb sperrte er sie nicht nur ein, sondern hatte auch noch so richtig Spaß daran, seine Sprößlinge zu quälen. Kronos, einer dieser Söhne und noch dazu nicht ganz richtig im Kopf, wollte sich dafür an seinem Daddy rächen, natürlich mit Zustimmung seiner Mutter. Als Uranos sich eines Nachts auf die Erde legte, meuchelte ihn Kronos von hinten mit einer Sichel und schnitt ihm sein Genital ab, das ins Meer fiel. Aus den Blutstropfen, die Gaia auffing, wurden verschiedene Gruppierungen an Erinyen, Giganten, Nymphen und so weiter. Aus der abgeschnittenen Männlichkeit und dem Schaum des Wassers wuchs Ein Geschöpf von unbeschreiblicher Zartheit und Schönheit: Aphrodite.

Jeder, der sie sah, wollte sie sofort heiraten. Unter ihren Füßen kam frisches Gras zum Vorschein, wo immer sie lief. Als sie dann auch noch vernünftig angezogen war, durfte sie bei den Göttern einziehen. Sie war aber auch, wie alle Göttinnen eine ziemlich prüde Person, die nicht mal zum Waschen ihre Klamotten auszogen.

Bei einer von Zeus (der Chef des Ganzen) arrangierten Hochzeitsveranstaltung fiel Aphrodite, Pallas Athene (die Kriegsgöttin) und Hera (hauptsächlich die Frau von Zeus) der goldene Apfel der Eris (die Göttin der Zwietracht) in die Hände, auf dem "Der Schönsten" zu lesen war. Die drei hatten nun nichts Besseres zu tun, als sich darüber zu streiten, wer von ihnen damit gemeint sei. Zeus war das Gezeter auf dem Olymp bald leid und befahl Hermes (dem Götterboten) die drei zu einem Hirten mit Namen Paris - nebenbei trojanischer Prinz - zu bringen, der darüber entscheiden sollte, wer denn nun die Schönste im Himmel und auf Erden sei. Jede der Göttinnen bot ihm ein nicht zu verachtendes Geschenk an, wenn er sie wählen würde. (Wahrscheinlich hatten die drei doch jede für sich einen kleines Ego - Problem, da sie auf derartige Mittel zurückgriffen.) Athene bot ihm Mut und Heldentum an, Hera die Herrschaft über Asien und Europa und Aphrodite die Zeus - Tochter Helena. Er entschied sich für Aphrodite und ihr Angebot. Denn was sind schon Mut, Heldentum und Königreiche, wenn die Hormone verrückt spielen?

Hera und Athene waren beleidigt und Aphrodite hatte ein Problem. Wie an Helena herankommen? Sie ließ sie von Paris kidnappen, was Helenas Mann, Menelaos, überhaupt nicht witzig fand. Er wollte sie zurück haben. Und wenn zwei sich nicht einigen können, führt man eben Krieg, in diesem Falle den Trojanischen.

Kassandra, die Tochter des Priamos, hatte alles längst vorausgesehen und deshalb auch ihrem Vater den Rat erteilt, den späteren Paris, schon als Neugeborenen töten zu lassen. Anstelle dessen ließ Priamos: "... darauf den Knaben ins Idagebirge bringen und dort aussetzen. Es war der Bereich der Herrin der wilden Tiere, von der man weiß, daß sie die Bärengestalt liebte. Dem Kind erging es wie Atalante: eine Bärin säugte es fünf Tage lang. Die Hirten, die es fanden, nannten es zuerst Paris, später aber Alexandros, den Männer Abwehrenden und Beschützenden: Namen, die wohl beide einen Königssohn ziemten... "

Aber Kassandra war gewöhnt daran, daß man ihr nicht glaubte, obwohl sie immer wieder deswegen aufs Neue beleidigt war. Schuld daran war Apollon. Der hatte sich nämlich in Kassandra verknallt und die Gaben einer Seherin geschenkt. Kassandra fand es zwar toll, in die Zukunft sehen zu können, aber von Apollon wollte sie nun wirklich nichts wissen. Schmollend sorgte er dafür, daß ihr niemand Glauben schenkte, wie richtig ihre Prophezeiungen auch waren.

Hätte jemand auf sie gehört, wäre der trojanische Krieg zu verhindern gewesen und damit auch die sinnlose Dezimierung Tausender von Griechen.

Einer, der sich beim Dezimieren besonders durch seine tapfere Art zu kämpfen hervortat, war Achilles. Seines Zeichens Sohn von Thetis (der Meeresgöttin) und Peleus (einem Sterblichen). Eigentlich war er unverwundbar. Doch was Siegfrieds Schulterblatt im germanischen Nibelungenlied, war Achilles Sehne am Fuß bzw. seine Ferse, in den Erzählungen über die Kämpfe um Troja: "In die rechte Ferse getroffen, wälzte sich der Heros noch einmal um, und da traf ihn ein zweiter Pfeil in die Brust" ... und da war’s aus mit Achilles.

Morden, morden lassen oder selbst ermordet werden. Leitmotive aus der griechischen Mythologie. Weder Götter noch Menschen brauchten dazu eine kriegerische Auseinandersetzung. Wenn einem einer nicht paßte, räumte man denjenigen eben auf mehr oder weniger phantasievolle Art und Weise aus dem Weg oder hatte einen Handlanger, der dies erledigte. Wie nichtig solche Gründe oft sein konnten, zeigt sich am Beispiel des Wanderers, der, während er durch eine enge Schlucht ging, auf einen Herold traf, der den Wagen des Königs lenkte und ihm befahl: " Wanderer, weiche dem König!" Das wollte der Wanderer aber überhaupt nicht einsehen. Er versuchte seine Wut hinunterzuschlucken, was er allerdings nicht lange durchhielt: "...Stumm schritt er vorwärts auf seinem Weg. Auf seinen Fuß trat ein Pferd des Königs. Schlug der Alte aus seinem Wagen noch mit seinem gabelförmigen Stachelstock, mit dem er die Rosse antrieb, ihm auf den Kopf, so wurde das Maß voll..." Er erschlägt Herold, wie König, in den er nochmals kräftig hineinbeißt ("... er biß in den Leib des Getöteten und spuckte sein Blut aus...") bevor er in die Berge flüchtet und sich dort bis auf weiteres versteckt.

Diese, zwar sehr blutrünstige, aber für damalige Zeiten durchaus nicht außergewöhnliche Geschichte hätte bestimmt nicht den Weg in die griechischen Annalen gefunden, wäre der Wanderer nicht Ödipus und der König nicht Laios (sein Vater) gewesen. Zwar wird in sämtlichen Überlieferungen extra darauf hingewiesen, daß Ödipus nicht wußte, wen er da tötete, "Der Sohn im Zorn und nicht wissend, wen er da traf, schlug mit dem Wanderstab den Vater tot und den Herold dazu...", so kam doch die ganze Geschichte jetzt erst richtig ins Rollen.

Nach dem Tod des Königs übernahm Kreon - der Bruder von Jokaste - die Leitung der Stadt, Theben übrigens, einst Frau von Laios, jetzt dessen Witwe. Der hatte nun aber auch noch ein ganz anders geartetes Problem, als daß er sich ausreichend um die angeknackste Psyche seiner Schwester kümmern konnte: "Er und die Alten von Theben waren in großer Sorge, seitdem die geflügelte Löwin, mit dem Kopf einer Jungfrau in die Geschicke der Stadt eingriff. Auf dem Berg, der nach ihr Phikion hieß, hatte die Sphinx ihren Sitz, wenn sie sich nicht auf einer Säule auf dem Marktplatz niederließ, um ihre Opfer auszuwählen."
Das sah dann ungefähr so aus: Sie gab den versammelten Thebanern ein Rätsel zu lösen. Bekamen die es aber nicht raus, schnappte sie sich einen aus der Menge und brachte ihn um. Für Kreon war das Maß endgültig voll, als sie sich Haimon griff, "...den schönsten und zartesten Jüngling von Theben, den Sohn des Kreon. Darauf ließ dieser verkünden: Jokaste und das Königreich gehöre dem, der die Sphinx besiegte." Ödipus, inzwischen aus den Bergen zurückgekehrt, wollte es versuchen und ging zur ihr. Die Sphinx sang ihm, in Erwartung einer weiteren zu vollziehenden Bluttat, das Rätsel vor: "Ein Zweifüßiges gibt es auf Erden und ein Vierfüßiges mit dem gleichen Wort gerufen und auch dreifüßig. Die Gestalt ändert es allein von allen Lebewesen, die auf Erden, in der Luft und im Meere bewegen. Schreitet es, sich auf die meisten Füße stützend, so ist die Schnelle seiner Glieder am geringsten." Ödipus grübelte etwas, dann rief er aus: "Den Menschen hast du gemeint! ... " der, da er noch auf der Erde herumkriecht, kaum geboren, zuerst vierfüßig ist, wenn er aber alt wird und mit gekrümmten Nacken unter der Last der Greisentums zum dritten Fuß den Stock gebraucht, auch dreifüßig!

Die Sphinx wurde kreidebleich. Sie war völlig verzweifelt. Da kam einer und löste eines ihrer schwierigsten Rätsel. In melodramatischer Weise stürzte sie sich ins Meer und beging Selbstmord. Ödipus bekam Jokaste, seine Mutter, zur Frau und zeugte mit ihr vier Kinder: zwei Söhne, Eteokles und Polyneikes und zwei Töchter Antigone und Ismene.

Viele Jahre waren vergangen. Und es gab wieder Probleme in Theben. Da sich Ödipus nicht selbst zu helfen wußte, ließ er Teiresias rufen, den blinden Seher. Der hatte nichts besseres zu tun, als Ödipus auf die Nase zu binden, daß er seit Jahren mit seiner Mutter ins Bett stieg, seine Kinder gleichzeitig seine Brüder und Schwestern waren und er seinen eigenen Vater erschlagen hatte. Ödipus stach sich die Augen aus, ließ sich in einen unterirdischen Raum einkerkern, in dem er schließlich auch starb.

Hätte er nur Teiresias eher befragt. Leider standen Wahrsager immer nur dann hoch im Kurs, wenn der König selbst nicht weiter wußte. Am Ende der Geschichte sind auf jeden Fall, beide blind. Ödipus freiwillig, Teiresias nicht so ganz freiwillig. Es gibt zwei Versionen der Geschichte. Die Eine berichtet davon, daß an einem besonders heißen Tag Pallas Athene sich ausnahmsweise zum Baden in einer frischen Quelle komplett auszog und der Unglückliche "...mit dem ersten Bartflaum am Kinn..."ausgerechnet mit seinen Hunden dorthin rannte, um zu trinken. Und so sah er eben etwas, was die Götter nicht mögen, wenn es gesehen wird, außer sie gestatten es ausdrücklich."...Die Brust und den Schoß der Athene hatte er gesehen, die Sonne durfte er nicht wiedersehen. Die Göttin legte die Hände auf seine Augen und machte ihn blind..." Da Athene mit der Mutter des Jungen befreundet war und diese sich in hysterischer Art darüber aufregte, was der Guten denn einfiele, einfach ihrem Jungen erblinden zu lassen, weihte sie ihn zum Wahrsager. "...reinigte ihm die Ohren, daß er die Stimmen der Vögel verstehen konnte, und schenkte ihm einen Stock aus Kornelkirschholz, mit dem er wie ein Sehender gehen konnte." Die zweite Version der Geschichte erzählt von einem Streit zwischen Hera und Zeus, bei dem er Schiedsrichter spielen sollte. Die Beiden zofften sich darüber, wer mehr vom Sex hat, Mann oder Frau? Eine blöde Situation, doch Teiresias antwortete, so wie es ihm in den Sinn kam: "... Nur den einen von zehn Teilen genießt der Mann,..., die zehn erfüllt die Frau, sich in Ihrer Seele freuend..." Hera war nicht dieser Meinung, sie hatte unterstellt, daß Männer viel mehr davon hätten. Und aus dieser Wut heraus nahm sie ihm das Augenlicht. Zeus, der deswegen ein schlechtes Gewissen hatte, machte ihn zum Seher und gab ihm die Möglichkeit, siebenhundert Jahre alt zu werden, was Teiresias aber gar nicht so toll fand: "Vater Zeus! Soll er geseufzt haben, entweder du solltest mir ein kürzeres Leben geben oder nur soviel Wissen, wie die gewöhnlichen Sterblichen haben. Wie es jetzt ist, ist es mir nicht die mindeste Ehre, daß ich sieben Menschenleben durchlebe!"

Man kann es eben nicht jedem Recht machen, egal ob Gott, Mensch, Seher oder Zauberer. Als zum Beispiel Jason mit den Argonauten auf die Insel Aia kam, um das goldene Vlies zurückzuholen, fand der Zauberer Aietes, der über das Land herrschte, Jason gar nicht toll, obwohl der Herrscher keine Wert auf das Vlies legte und Jason in heldenhaftester Art und Weise drei Prüfungen bestand, nach denen er halbtot war. Um so mehr war Medea, eine der Töchter des Zauberers, von ihm begeistert und gleich so verknallt, daß sie mit ihm durchbrannte.

Sie schenkte ihm zwei blonde Söhne und sie lebten mehr oder weniger glücklich, bis Jason sie wegen einer Königstochter verließ. Medea, gekränkt, gedemütigt und verzweifelt, aber von göttlicher Abstammung und ebenfalls mit Zauberkräften ausgestattet, sann auf Rache. Sie tat, als würde sie Jason verstehen und seine Wahl gut heißen und schickt ihre beiden Jungs zur neuen Frau mit Geschenken, die sie vorher mit einem Zauber belegt hatte, angeblich um die Gunst der Königstochter zu gewinnen: "...Die zwei Blondköpfe überreichen das verhexte Gewand und den goldenen Kranz, an denen die Königstochter und ihr Vater verbrennen und werden nachher von der eigenen Mutter abgeschlachtet, damit auch ihr Vater Jason, wie er es verdiene, vom alles vernichtenden Verhängnis getroffen wird..."

Medea selbst flüchtete auf dem Sonnenwagen des Helios, den ihr Vater ihr geschickt hatte und lebte von nun an mit Aigeus, dem Herrscher über Athen, einem alten Verehrer, in seiner Stadt zusammen. Jason bestattete in kultiger Art und Weise seine Söhne mit eigenen Händen, verfluchte Medea, was ihm allerdings nicht viel nützte, und versuchte, mit der ganzen Geschichte klarzukommen.

Als er eines Tages, um sich auszuruhen, in den Schatten seines alten Schiffes legte, wurde er von einem morschen Balken, der auf ihn herunterkrachte, erschlagen. So, wie es Medea für ihn vorgesehen hatte. C’est la vie.

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Deconstructing Woody

Am Anfang war der Gag

Vor seiner ersten Filmproduktion 1965 (What's new, Pussycat?) schrieb Woody Allen bereits 14 Jahre lang Witze, die er größtenteils als Stand-Up- Comedian benutzte oder verkaufte. Er war auf dem besten Wege, mit seinem intellektuellen - und somit ungewöhnlichen - Stil und den erfundenen Geschichten aus seinem Privatleben zur nationalen Berühmtheit aufzusteigen. Seine ersten Schritte im neuen Medium tat er nach dem selben Rezept, das ihm auf der Bühne so großen Erfolg beschert hatte. So brillieren Woody-Allen-Filme zwischen 1965 und 1975 vor allem durch ihre Kombination aus absurdem Sprach- und Bildwitz (man denke nur an "Sleeper", wo der Erzschurke mit einer riesigen Erdbeere niederschlagen wird). Wie im Nummern-Kabarett dient die skurrile Handlung meist einzig und allein dazu, Gags an ihr aufzureihen.

Mangels einer eigenen erzählerischen Form bedient sich Allen bereits vorhandener Erzählkonzepte, die er bei dieser Gelegenheit gehörig durch den Kakao zieht. Komödien wie "Everything You Always Wanted to Know About Sex", eine Travestie der Aufklärungsfilme der Sechziger, mögen hier als Beispiel dienen. Charakteristisch für sein Frühwerk ist außerdem, daß, nach seiner eigenen Aussage, bis zu fünfzig Prozent des fertigen Films erst auf dem Set improvisiert wurden.

Viele der eingesetzten Stilmittel, vor allem die Travestie, und die teilweise arg surrealen Inhalte sind auch in seinen 1971, 1973 und 1980 in Buchform veröffentlichten Kurzgeschichten zu finden.

In einem Interview sagte Woody Allen, "Play it Again, Sam" sei "Die Anhäufung von Themen, die mich faszinieren, Sex, Ehebruch, neurotische Liebe, Angst. Dennoch ist es eine Komödie im strengsten Sinne des Wortes, ohne ernsthaftes Element." Es fällt auf, daß diese Beschreibung ziemlich uneingeschränkt für sein gesamtes Frühwerk gelten kann. Es geht immer um Themen, meist um philosophische, die Allen faszinieren, und um Leute, die ihn faszinieren. Groucho Marx ist ein Dauergast, Humphrey Bogart widmete er einen ganzen Film, um nur zwei Beispiele zu nennen. Aber stets tritt Woody Allen die ihm sehr wichtigen Themen mit Füßen, weil er damals, wie er selbst sagte, ein "Meister des schlechten Geschmacks" war.



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Die New-York-Trilogie

Aber Woody Allen wollte nicht, wie einst Charlie Chaplin, für den Rest seines Lebens auf die Rolle des Tolpatsches festgelegt bleiben. Schon zu Zeiten von "Love and Death" nehmen seine bisher recht belanglosen Klamauk-Filme einen dunkleren Unterton an. 1976 spielt er seine erste ernsthafte Rolle in "The Front" (Der Strohmann). Im selben Jahr beginnt er auch mit den Dreharbeiten zu "Annie Hall", der einen Bruch zu all seinen bisherigen Filmen darstellt.

"Annie Hall" hat weder in Form noch Inhalt einen anderen Film oder ein Genre zum Vorbild. Auch kann Allen jetzt auf einige filmische Erfahrung zurückgreifen und nutzt verschiedene Aufnahme- und Erzähltechniken wesentlich stärker als zuvor. Gleichzeitig setzt er Stilmittel viel bewußter ein, Zitate aus anderen Filmen z.B. sind kein Selbstzweck mehr, sondern haben ihrerseits eine eigene Funktion.

Vor allem aber ändern sich die Inhalte. Woody Allen, mittlerweile 40 und frisch getrennt von Diane Keaton, zieht in Annie Hall erstmals die Bilanz seines bisherigen Lebens. Persönliche Erfahrungen hatte er schon immer in seine Arbeit einfließen lassen, ein famoses Beispiel hierfür sind seine Witze über Ex-Frau Harlene Rosen ("Quasimodo, ich will die Scheidung."), aber in "Annie Hall" wird das Publikum erstmals wirklich einbezogen und hat das Gefühl, am Wohl und Wehe seines Stars teilzuhaben.

Der Film hatte entscheidende Konsequenzen für Allen. Er schaffte es, sich auf eine Stufe mit dem Zuschauer zu stellen. Sein Publikum lachte nicht mehr über ihn, sondern mit ihm.

Mit "Manhattan" knüpfte er 1979 wieder an die Thematik an. Anders als bei "Annie Hall" versuchte er, einen relativ ernsthaften Film zu drehen. Das scheiterte allerdings an seinem Ruf als fabelhafter Komiker. Ganz konnte er das Image des Filmclowns nie ablegen. Aber alles in allem waren "Annie Hall" und "Manhattan" Woody Allens größte Erfolge. Diese Filme dokumentierten seine neurotisch besetzte Verbindung zu New York City und machten Allen in den Herzen seiner Fans und in der Filmgeschichte zu "Mr. Manhattan".

Den letzten Teil der "Trilogie" bildet "Stardust Memories". Wie die beiden Vorgänger ist auch "Stardust Memories" deutlich autobiographisch angehaucht, spielt also in New York und handelt von einem Filmschaffenden. Allerdings handelt er auch von dessen übergroßer Verachtung für sein Publikum, was Allen in Amerika lange, lange Zeit nicht verziehen wurde. Es schien fast, als wollte er das Clownsimage ein für allemal loswerden, obwohl er, nach einem Sturm der Entrüstung, darauf bestand, daß es zwischen dem Protagonisten seines Filmes und ihm selbst keinerlei Parallelen gebe.




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Die Achtziger

Unter Filmkritikern herrscht die Meinung, daß Woody Allens Filme in den Achtzigern nur mit sowjetischen oder polnischen zu vergleichen wären. Tatsächlich hat er sich noch nie sehr viel aus Hollywood und der amerikanischen Filmbranche gemacht. Er war ja nicht mal bei der Oskarverleihung, als "Annie Hall" vier davon gewann. Er ließ sie durch seinen Vater entgegennehmen, damit dieser einsah, daß Regisseur zu werden doch eine bessere Wahl war als Zahnarzt oder Rechtsanwalt.

Was seine Filme betrifft, lassen sich zwei Linien unterscheiden. Auf der einen Seite entwickelt er seine Komödien weiter, die nun zu Tragikomödien werden. Die Story wird aufwendiger, sie spielt oft in mehreren Handlungs- und Realitätsebenen. Die Filme sind auch einiges aussagekräftiger als seine frühen Komödien, oder sagen wir, ihre Aussage wird nicht mit plumpen Gags kaschiert. Fast alle haben ein Sad End, wie zum Beispiel "The Purple Rose of Cairo", wo die Protagonistin am Ende noch unglücklicher und einsamer ist als zu Anfang.

Andererseits experimentiert Allen mit alternativen Formaten, so dreht er beispielsweise "Interiors" oder "Another Woman", die ganz und gar ohne Komik auskommen. Kritiker warfen ihm allerdings vor, mit solchen Filmen nur den von ihm verehrten Ingmar Bergmann kopieren zu wollen oder zu können. Auch ein Film über seine Kindheit, "Radio Days", entsteht. Im Gegensatz zum ebenfalls autobiographischen Theaterstück "The Floating Lightbulb", das Allen wieder zurückzog, durfte dieser nach seiner Uraufführung weiter gezeigt werden.

In den Achtzigern rücken familiäre Themen in den Mittelpunkt. "Hannah and Her Sisters" z.B., wurde nicht nur in der Wohnung seiner Schwiegermutter gedreht, sondern auch mit seiner angeheirateten Verwandschaft besetzt. Wie eh und je findet man Versatzstücke aus Allens Privatleben auf der Leinwand wieder. So läßt sich einer seiner Charaktere beispielsweise in der Öffentlichkeit mit "Max" an reden, genau so, wie es Woody Allen seit den Siebzigern tut, um inkognito zu bleiben.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Beschäftigung mit dem Medium Film, wie in "The Purple Rose of Cairo" oder, in anderer Form, in "Radio Days".



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