"Isabella, drei Karavellen und ein Scharlatan" von Dario Fo



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Versuch einer Inhaltsangabe


Spanien 1516: Ein Schauspieler soll hingerichtet werden. Weil er eine Komödie von Rojas aufgeführt hat. Aber er bekommt eine Chance: Bis man mehr über seine in Aussicht gestellte Begnadigung weiß, soll er ein Stück über Christoph Columbus spielen, gleich hier auf dem Schafott. Der Verurteilte ergreift natürlich diese Gelegenheit, und vor dem Zuschauer entfaltet sich ein absurd-komisches Spiel im Spiel über einen Columbus, der so nicht in den Geschichtsbüchern steht: einen gewitzten Scharlatan, für den der Weg zum Ziel nur Maskerade ist.

Er schmeichelt sich bei der abgebrannten spanischen Königin Isabella und ihrem behäbigen Gatten Ferdinand ein, indem er die Heilung einer Kranken vortäuscht. Und nach langem Hin und Her überzeugt er auch die Gelehrten von seiner Theorie, im Westen Indien erreichen zu können, mit einigen ungewöhnlichen Kniffen und Tricks.

Von der Entdeckung "Westindiens" erfolgreich, aber ohne das versprochene Gold, zurückgekehrt, hat er sich vor denselben Gelehrten für die Vorfälle bei der Überfahrt und auf der Neuen Welt zu verantworten, kann sich mit Geschick und Flunkerei aber auch hier wieder aus der Affäre ziehen. Und wenn der Scharlatan, der diesen Columbus gespielt hat, am Ende des Stückes erfährt, daß er leider doch nicht begnadigt wird, so darf man gespannt sein, ob ihm auch hierzu etwas einfällt, womit keiner rechnet...



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Besetzung



Jugendclub des Landestheaters Coburg

Italienischer Originaltitel: "Isabella, tre caravelle e un cacciaballe"

Uraufführung: 6. September 1963, Theater Odeon, Mailand

Premiere: 14. Juni 1998

Beginn: 20 Uhr
Pause nach dem Ersten Akt
Ende: ca. 22.30 Uhr

Inszenierung: Peter Molitor
Ausstattung: Thorsten Köhler
Musik: Holger Schäfer
Dramaturgie: Steffen Popp
Regieassistenten: Kerstin Kroner, Steffen Popp
Inspizienz: Meike Jordan
Souffleuse: Elisabeth Fromme

Technische Leitung: Norbert Ernst - Beleuchtung: Hansjörk Schmidt(+) - Requisite: Klaus Sauerteig - Chefmaskenbildnerin: Elvira Fischer - Ausstattungsleitung: Andreas Rank - Leiterin der Kostümabteilung: Gertrud Radl - Kostümassistentin: Karin Huber - Gewandmeister/in: Lienhard Oppel/Anna Rudi

Königin Isabella/Johanna die Verrückte - Britta Claus
König Ferdinand - Andreas Lindemann
Der verurteilte Schauspieler/Columbus - Thorsten Köhler
Begleiter/Gelehrter/Pater Neugier/Ankläger - Sven Ruppert
Pater Galero/Pater Diego/Bischof Fonseca - Holger Schäfer
Zimmermann/Gelehrter/Spassvogel/Ankläger - Steffen Popp
Zimmermann/Gelehrter/Pater/Pinzon - Andreas Flack
Quintilla/Stuart/Statthalter - Hannes Horneber
Botin/Kammerzofe*/Kranke*/Seemann/Maria - Katja Giller
Sängerin/Magd/Seemann* - Anna-Katrin Berger
Magd/Herold - Marie von Grundherr
Frau/Richterin - Melanie Koll
Seemann/Frau* - Alexandra Baudler
Seemann - Carmen Müller
Seemann - Christiane Knorr
Kanzleibeamter - Gizla Karaali
Kanzleibeamter - Elena Bastrykina
Magd* - Kerstin Kroner
Fräulein - Patricia Tress
Schaulustige/Frau*/Richterin* - Stephanie Geidies

*als Zweitbesetzung
Aufführungsrechte: Verlag Autorenagentur, Frankfurt a. M.


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Texte zum Stück



Eldorado

In schimmernder Wehr
ein Ritter hehr
durch Sonne und Schatten tät wallen
er sucht kühn,
es zog ihn hin
nach Eldorados Hallen.

Doch ward er alt,
und ein Schatten kalt
wollt‘ ihm aufs Herze fallen -
da nirgends fand,
in keinem Land,
er Eldorados Hallen.

Und als seine Kraft
am Ende erschlafft‘,
da sah er einen Schatten wallen -
"Wo find‘ ich, sag an.
du Pilgersmann,
wohl Eldorados Hallen?"

"Hinter dem Mond,
wo die Stille wohnt,
im Tal, da die Schatten wallen -
dort findest du
wohl Rast und Ruh
in Eldorados Hallen!"

- Edgar Allan Poe -


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Christopher Columbus


Kolumbus, verzeih, - du warst Narr unter Räubern.
Was mich betrifft, würd ich
mit einem kecken
Zugriff Amerika zudecken, säubern -
und dann erst verwandelt wiederentdecken.

- Wladimir Majakowski -


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1. Zimmermann Also ich sage dir, es ist geschmacklos, eine Hinrichtung im Karneval!

2. Zimmermann Ach was, zum Sterben ist ein Tag so gut wie der andere.




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Amerika würde bald entdeckt worden sein, auch wenn Columbus in der Wiege gestorben wäre.

- Jakob Burkhardt -


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Die Entdeckung

-  ...Und alldieweil Eure Majestäten, als katholische Christen und Fürsten, dem Heiligen Christlichen Glauben treu ergeben, seine Verfechter und Widersacher der Sekte Mohammeds und seiner Irrlehren, beschlossen haben, mich, Christoph Columbus, auszusenden in die Regionen Indiens, wo ich besagte Fürsten, Völker und Länder sehen sollte, ihrer aller Neigung zu erkunden und die Art, in welcher ihre Bekehrung zu unserem Heiligen Glauben durchgeführt werden möge, und da sie mir befahlen, nicht auf dem Landwege (wie gewöhnlich) nach dem Orient zu reisen, sondern auf einem Wege westwärts, den bis zu diesem Tage kein Mensch genommen hat -

Haben nunmehr, nachdem alle Juden aus Euren Reichen und Besitzungen vertrieben sind,(1)&nsbp; Eure Majestäten mir in demselben Monat anbefohlen, mich mit einer ausreichenden Flotte in besagte Religionen Indiens zu begeben, wofür sie mir viele Belohnungen gewährten und mich dergestalt ehrten, daß ich mich mit einem Adelstitel belegen darf und Kommandierender Admiral des Weltmeeres sowie Vizekönig und Gouverneur auf Lebenszeit aller Inseln und Festländer bin, die von mir entdeckt und gewonnen werden oder in Zukunft entdeckt und gewonnen werden sollten im Weltmeer, ferner bewilligten, daß mein ältester Sohn mir nachfolgen und meinem Rang fortvererben sollte immerdar - ...(2) 

-  ... Ich beschloß, weniger einzutragen, als wir tätsächlich zurückgelegt hatten, damit meine Leute nicht den Mut verloren, falls die Reise zu lange dauern sollte. ... kamen wir um weitere 156 Seemeilen voran, allein ich schrieb nur 144 davon auf...(3)

-  ... Mit der Mannschaft hatte ich ernsthafte Schwierigkeiten, trotz der Zeichen, die auf Land hindeuteten, und jener, die uns der allmächtige Gott zukommen läßt ... Sie sagen, für ihren Teil sei es Tollkühnheit und selbstmörderisch, sein Leben zu riskieren, um einem verrückten Ausländer zu folgen ... Manche meinen, sie seien bereits derart weit vorgedrungen, wohin zu segeln die Menschen nie hätten wagen dürfen ... Einige getreue Freunde (und es sind wenige an der Zahl) haben mir erzählt, manche hielten es für das Beste, mich eines Nachts ins Meer zu werfen, falls ich dabeibliebe weiterzusegeln. Sie würden später erklären, ich sei über Bord gefallen...(4)

-  ...Da die Karavelle "Pinta" schneller war als die anderen beiden Schiffe und mir vorgefahren war, so entdeckte man an Bord der "Pinta" zuerst das Land und gab auch die angeordneten Signale. Als erster erspähte dieses Land ein Matrose, der Rodrigo da Triana hieß, wiewohl ich um 10 Uhr nachts vom Aufbau des Hinterschiffes aus ein Licht bemerkt hatte...(5)

-  ...Um zwei Uhr morgens kam das Land in Sicht ... Dort erblickten wir allsogleich nackte Eingeborene ... Sollten eure Hoheiten den Befehl erteilen, alle Inselbewohner nach Kastilien zu schaffen oder aber sie auf ihrer eigenen Insel als Sklaven zu halten, so wäre dieser Befehl leicht durchführbar, da man mit einigen fünfzig Mann alle anderen niederhalten und zu allem zwingen könnte...(6)

-  ... Es schien mir, daß es hier sicherlich Gold geben müsse... und erklärten ihm, daß wir vom Himmel gekommen seien und Gold suchten; ich glaube, daß ich mich nahe am Vorkommen dieses Golde befinde ... daß sich in der Nähe Inseln befinden sollen, auf denen es sehr viel Gold gebe; sie sagten, es gebe hier so viel Gold, wie wir uns wünschten. ... Gold ist das Beste. Mit ihm sammelt man Schätze, und wer es besitzt, macht mit ihm in der Welt, was er will und erreicht, daß die Seelen ins Paradies kommen...(7)

- Christoph Columbus: "Bordbuch" -


(1)  Per Dekret vom 30. März 1492. Die spanischen Könige wollten damit ihre leere Staatskasse auffüllen: Die Juden mußten ihr Hab und Gut verpfänden.
(2)  Diese Forderungen waren äußerst gewagt und ein Grund, warum Columbus bei seinen früheren Gesuchen am portugiesischen und spanischen Hof scheiterte. Die meisten Historiker sind heute der Meinung, daß es Columbus bei seiner Fahrt in erster Linie um sozialen Aufstieg ging.
(3)  Columbus hat so die Matrosen um etwa 600 Seemeilen betrogen.
(4)  Eine Meuterei, die Columbus mit einem auf den Kopf gestellten Ei besänftigt haben soll, hat nie stattgefunden. Das Ei hat nicht Columbus, sondern der Architekt Brunelleschi auf den Kopf gestellt, um damit die Bauweise der Kuppel von Santa Maria die Fiori zu erklären.
(5)  Rodrigo da Triana hat das Land tatsächlich als erster entdeckt. Aber Columbus gönnte ihm die ausgesetzte Belohnung von 10.000 Maravedis nicht. Der Legende nach soll sich Triana später vor Gram erhängt oder auf Seiten der Mauren gegen die Christen gekämpft haben.
(6)  Einer von vielen Beweisen, daß Columbus die Vernichtung der Indianer selbst mit eingeleitet hat.
(7)  "Um Gott und Gold" ist die einfache Formel, auf die man die wahren Gründe für die columbischen Entdeckungsfahrten reduzieren kann.




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Alle Länder haben Narren nötig - einen, der unliebsame Wahrheiten offen ausspricht.

- Dario Fo -




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Leben / Werk

Der Sohn einer Bäuerin und eines politisch aktiven Eisenbahner wuchs im italienischen Grenzgebiet am Lago Maggiore auf. Ab 1951 schrieb er Sketche und Satiren für den Rundfunk und hatte Erfolge als Komiker in kabarettistischen Revuen.

Mit seiner Frau, der Schauspielerin Franca Rame, gründete er 1958 in Mailand die komödiantische Schauspielgruppe "Compagnia Fo-Rame". Seine politischen Revuen, die zwischen 1959 und 1967 im Teatro Odeon aufgeführt wurden, machten ihn über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Den Stoff für die Produktionen, die er zusammen mit Franca Rame erarbeitete, entlehnte er dem tagespolitischen Geschehen. Die scharfzüngige und kämpferischen Politfarcen amüsierten das Publikum und trugen Fo den Unmut der Regierung ein.

Unter den Einfluß der Studentenunruhen und Streikwellen 1968/69 kehrte er sich vom staatlich subventionierten Theater ab. Politisch radikalisiert gründete er mit Franca Rame das Theaterkollektiv "Nuova Scena" das von einer Kulturorganisation der KPI getragen wurde. Die Gruppe spielte bevorzugt in Betrieben, auf Plätzen und Straßen, um "den revolutionären Prozeß" der Arbeiter zu fördern. "Mistero Buffo", ein Lehrstück vom Aufstand des einfachen Arbeiters gegen seinen Unterdrücker, entstand in dieser Zeit. Fos kompromißloser marxistischer Standpunkt führte nach ideologischen Differenzen zum Bruch der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) und spaltete 1970 das Theaterkollektiv. Der neugegründeten Gruppe "La Comune" gelang es 1974, einen festen Spielort in Mailand zu erhalten, der - selbstverwaltet - als Kulturzentrum und politischer Versammlungsort fungierte. Auf sein "Theater der Provokation" reagierte die Regierung mit juristischen Sanktionen und mehrfachen Prozessen, denen bisweilen die Verhaftung Fos auf der Bühne voranging.

Seine Stücke stehen in der Tradition der Volksposse und der Commedia dell’arte, in der typisierte Vertreter des einfachen Volkes die Obrigkeit narren. Fo entwickelte diese Form zu einem "klassegebundenen Volkstheater" und zeigt auf der Bühne den zivilen Ungehorsam gegen die sozialen Unterdrücker. Fo hat zusammen mit seiner Frau etwa 70 Stücke geschrieben. Die bekanntesten davon sind: "Mistero Buffo", "Zufälliger Tod eines Anarchisten", "Bezahlt wird nicht!", "Offene Zweierbeziehung" und "Nur Kinder, Küche, Kirche".




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An dem Tag, an dem sie in Italien einem Possenreißer den Nobelpreis geben, stürzt die Regierung!

- DARIO FO -



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Nobelpreis für Literatur

Daß die Wahl der schwedischen Jury bei hochkarätiger Konkurrenz eine höchst mysteriöse Angelegenheit ganz im Sinne der derb-komödiantischen Volkstheatergeschichten von Fos "Mistero Buffo" sei, darin waren sich alle Blätter einig. Immerhin stand neben den in diesem Jahr favourisierten Portugiesen Antunes und Saramago mit Mario Luzi (Jg. 1914) auch (und schon seit längerem) ein Italiener, noch dazu ein "richtiger" Dichter, in den Startlöchern für den Premio Nobel. So ist die Begeisterung darüber, daß es nach Eugenio Montale (vor 22 Jahren) endlich mal wieder ein Italiano Vero geschafft hat, durchaus nicht einhellig.

- Sabine Heymann: "Premio Buffo" -


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Ich habe meine Stimme nicht Dario Fo gegeben.

- Knut Ahnlund, Mitglied der Schwedischen Akademie -


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Ich bin bestürzt.

- Dario Fo, als er von seiner Ehrung erfuhr




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Jemand hat mich in den letzten Tag der Inkohärenz bezichtigt, wenn ich den Preis entgegennehmen würde, und gesagt: "Vor 15 Jahren, als du schon einmal unter den heißen Kandidaten warst, hast du erklärt, daß du nie den Frack anziehen würdest, um in Stockholm den Nobelpreis entgegenzunehmen. Jetzt wirst du unglaubwürdig, wenn du den Preis entgegennimmst." Darauf kann ich nur antworten, daß ich jetzt die Ausnahme von der Regel bin ... Für die festlich gekleidete "engagierte Literatur" ist es sicherlich ein derber Rückschlag, denn unter ihren Vertretern sind etliche, die gierig auf den Nobelpreis warten. Ich bin die Ausnahme und bewege mich ohnehin außerhalb der literarischen Apartheid. ... Durch den Nobelpreis habe ich jetzt ein noch größeres Gehör bekommen. Die Reaktionen auf meine öffentlichen Stellungnahmen sind jetzt noch erboster. Der Nobelpreis hat meine Kraft, sich Gehör zu verschaffen, enorm wachsen lassen.

- Dario Fo in einem Interview, kurz vor der Abreise nach Stockholm -


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Berühmte Nobelpreisträger:

1936 Eugene O’Neill, 1957 Albert Camus, 1972 Heinrich Böll, 1980 Czeslaw Milosz, 1981 Elias Canetti, 1982 Gabriel Garcia Mßrquez, 1983 William Golding

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Warum eigentlich spricht niemand mehr von Dario Fo?

 - RENATE KLETT - 


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Stimmen

Eine Art Pest, die das italienische Theater befallen hat.
Pier Paolo Pasolini, italienischer Filmregisseur

Eine Schande!
Gianfranco Fini, Führer der faschistischen "Alleanza Nationale"

Immer noch besser als Umberto Eco!
Franco Zefirelli, italienischer Filmregisseur



Fo paßt halt nicht mehr zum Zeitgeist, er ist zu links, zu anarchistisch, zu unangepaßt für die 90er Jahre. Sind seine Stücke überholt?... eine provokative Farce wie "Bezahlt wird nicht!" hätte heute, wo es tatsächlich zunehmend Armut in Deutschland gibt, viel mehr Brisanz als vor zwanzig Jahren. Oder wird sie gerade deshalb nicht mehr gespielt? Ist Fo zu gefährlich geworden, seit man nicht mehr auf Kosten der italienischen Zustände über ihn lachen kann? Sicher, gemessen an der Yuppie-Kultur sind seine Werke hoffnungslos altmodisch. Aber das altmodische an Fo ist gerade seine Qualität: daß er identisch ist mit dem, was er spielt und unkorrumpierbar in seinem moralischen künstlerischen Engagement, daß er etwas zu sagen hat und das sehr direkt tut, kunstvoll zwar, aber ohne Umwege und Schnörkel, daß er mit Lust erzählt statt mit Qual, von der Welt statt von sich, daß er kämpft statt zu leiden, erhellt statt zu verrätseln, daß er polemisch ist statt innerlich.

Renate Klett: "Zufälliges Wiedersehen"


Als Fo anfing zu spielen, hatte ich das Gefühl, alles zu begreifen und nichts zu verstehen, die Wörter plumpsten förmlich in mich hinein.

Peter O. Chotjewitz, Fos deutscher Übersetzer


Er ist, was man in Italien einen artista totale nennt: Er ist Autor, Regisseur, Sänger, Bühnenbildner, Essayist, Pädagoge, ein begnadeter Schauspieler. ... Daß Fo im Ausland der meistgespielte Autor aller Zeiten ist, vermutlich einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker überhaupt, bringt erst der Nobelpreis ans Licht. Es ist eine Tatsache, die mit Erstaunen zur Kenntnis genommen wird.

Sabine Heymann: "Premio Buffo"




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HISTORIE II


Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch.

SOPHOKLES




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Die Folgen der Entdeckung



Hispanola war die erste Insel, auf der die Christen landeten und die großen Verheerungen und den Untergang jener Völker einleiteten und die sie als erste zerstörten und entvölkerten. zuerst nahmen die Christen den Indios die Frauen und Kinder, um sich ihrer zu bedienen und sie zu mißhandeln. Sodann aßen sie alle Lebensmittel auf, die die Indios mühevoll im Schweiße ihres Angesichts bereiteten. Sie begnügten sich nicht mit dem, was die Indios ihnen freiwillig, dem Vermögen jedes einzelnen entsprechend, das immer gering ist, gaben; denn sie haben in der Regel nicht mehr, als sie gewöhnlich zum Leben brauchen und ohne viel Mühe bereiten. Und was für drei Haushalte zu je zehn Personen für einen ganzzen Monat ausreicht, ißt und verschlingt ein Spanier an einem einzigen Tag.

Und angesichts vieler weiterer an ihnen begangener Gewalttätigkeiten, Nötigungen und Belästigungen begannen die Indios zu begreifen, daß solche Menschen nicht vom Himmel gekommen sein konnten. Einige verbargen unterdessen ihre Lebensmittel, andere ihre Frauen und Kinder, um Menschen mit so hartem und schrecklichem Umgangsformen aus dem Weg zu gehen. Die Christen gaben ihnen Ohrfeigen, schlugen sie mit Fäusten und Stöcken, um dann den Dorfherren Gewalt anzutun. Und dies steigerte sich zu solcher Vermessenheit und Schamlosigkeit, daß ein spanischer Hauptmann sich an der Gemahlin des mächtigen Königs, des Herrn der ganzen Insel, verging. Von da an überlegten die Indios, wie sie die Christen aus ihren Ländern vertreiben könnten: Sie griffen zu ihren Waffen, die allzu schwach sind und nur wenig Schaden anrichten, wenig Widerstand leisten und noch weniger zur Verteidigung dienen, weswegen alle ihre Kriege kaum mehr als Stock- oder Kinderspiele sind.

Die Christen aber - ausgestattet mit Pferden, Schwertern und Lanzen " richten unter ihnen erschreckende Massaker und Greueltaten an: Sie drangen in die Dörfer ein, sie ließen weder Kinder noch Greise, noch Schwangere oder Wöchnerinnen zurück, denen sie nicht den Leib aufschlitzten und sie in Stücke hieben, so als ob sie eine in Pferche gesperrte Herde Schafe überfielen. Sie schlossen Wetten ab, wer von ihnen mit einem Hieb den Körper eines Menschen über dem Gürtel aufschlitzen, ihm den Kopf auf einmal abschlagen oder ihm die Eingeweide aufreißen könnte. Die Neugeborenen rissen sie an den Füßen von der Mutterbrust und zerschmetterten ihre Köpfe an den Felsen. Spottend warten sie die Kleinen rücklings in den Fluß, und als diese ins Wasser fielen, sagten sie höhnisch: Strampelt nur, ihr kleinen, elenden Kreaturen.

Andere ließen sie zusammen mit den Müttern über die Klinge springen und alle, auf die sie trafen. Sie stellten auch einige hohe Galgen mit je dreizehn Indios in der Weise auf, daß ihre Füße beinahe die Erde berührten; und zu Ehren und zur Verehrung unseres Erlösers und der zwölf Apostel legten sie Holz und Feuer darunter und verbrannten sie bei lebendigem Leibe. Andern banden oder wickelten sie dürres Stroh um den ganzzen Körper, fachten es an und verbrannten sie. Anderen und allen, die sie am Leben lassen wollten, hackten sie beide Hände ab, hängten sie ihnen um und sagten: "Geht mit diesem Schreiben, bringt diese Neuigkeiten denjenigen, die sich in die Berge geflüchtet haben."

Gewöhnlich brachten sie die Herren und Edlen auf folgende Weise um: Auf Gabeln errichteten sie aus Stangen Roste, auf denen sie die Indios festbanden, und entfachten darunter ein sanftes Feuer, bis ihre Opfer unter dem Wehgeschrei dieser Qualen langsam ihre Seelen aushauchten.

Einmal sah ich, wie sie auf den Rosten vier oder fünf Anführer und Herren verbrannten, und ich glaube, daß es sogar zwei oder drei dieser Roste gab, auf denen andere Indios von Feuer verzehrt wurden. Und weil sie jämmerlich schrien und dies dem Hauptmann lästig fiel oder ihn im Schlaf störte, ließ er sie erwürgen. Der Büttel - ich weiß seinen Namen, und sogar seine Verwandten lernte ich in Sevilla kennen -, der schlimmer war als der Henker, der sie dem Feuer übergab, wollte sie nicht erdrosseln lassen. Vielmehr steckte er ihnen eigenhändig Knebel in den Mund, damit man ihre Todesschreie nicht hörte, und schürte das Feuer, bis sie langsam schmorten, wie es ihm gefiel.

Bartolomé de Las Casas:  "Die Vernichtung der Indios"


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Kolumbus‘ Größe besteht nicht darin, daß er angekommen, sondern darin, daß er losgefahren ist.

Viktor Hugo




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FOS THEATER



Dario Fo hat die große Tradition unserer Commedia dell’arte wieder zum Leben erweckt.

GIOVANNI RABONI



Die Commedia dell’arte wurde von italienischen Berufsschauspielern Mitte des 16. Jahrhunderts in Venedig geschaffen, indem diese Personal und dramaturgisches Grundgerüst der humanistischen Commedia erudi- ta ("gelehrte Komödie") und die Maskenspiele des Karnevals mit Selbsterfundenem und mittelalterlichen Traditionen der fahrenden Gaukler und Troubadours vermischten. Schnell setzte sich die neue Form gegen das zeitgenössische akademische Literaturtheater durch und trat einen Siegeszug über ganz Europa an, wo sie drei Jahrhunderte lang das Theater beherrschte und beeinflußte.

Dies verdankt sie vor allem den typischen Mitteln der Stegreifspieler: Eine durchgehende Handlung, meist eine Liebesintrige, dient als Vorwand für die Summierung einer Reihe möglichst komischer Nummern (lazzi), verstärkt durch körperbetontes, fast akrobatisches Spiel. Den Vorführungen lag kein ausgeschriebenes Stück, sonder nur ein grober Handlungsverlauf zugrunde, der durch Improvisation und spontane Erfindungskraft des Ensembles vielfältig variiert wurde. Wie in einer modernen Seifenoper waren unveränderliche Typen und Grundkonflikte (zwischen Jung und Alt, zwischen Reich und Arm) das Herzstück jeder Aufführung. Handlungsweisen, Eigenarten und Macken der Figurentypen kehren immer wieder: Da gib es den geizigen venezianischen Kaufmann Pantalone, den pedantischen Dottore und den prahlerischen Capitano. Als Diener und komische Figuren gab es den naiv-bösen Arlecchino und den Bauernlümmel Pulcinella. Gegenüber diesen Figuren, welche die größte Attraktivität beim Publikum besaßen, zählten die jungen Liebhaber, Isabella und Fluvio, eher zur Statisterie der Stücke.

Die Commedia dell’arte nahm oberflächlich Partei für die vermeintlich Schwachen und verspottete, was leicht zu verspotten war: das im Niedergang befindliche venezianische Kaufmannstum, die verhaßte spanische Besatzungsmacht. Die wirklich Mächtigen aber, Adel und Klerus, traf es nie, so daß sich die Stücke auch an den Höfen verbreiteten. Der Commedia dell’arte wurde durch Carlo Goldoni ("Diener zweier Her- ren") in über 200 Stücken ein Denkmal gesetzt. Dario Fo griff diese Tradition auf und zelebriert in seinen Stücken die erneute Wiederauferstehung dieser Gattung. Sein Theater unterscheidet sich aber in einigen Punktten: Es hat Elemente des Agitprop-Theaters absorbiert und nimmt es gerade besonders gern mit den wirklich Mächtigen auf.




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Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Männer und Frauen sind nur Spieler.

William Shakespeare






Theater auf dem Theater



Der Vergleich der ganzen Welt mit einer Bühne, auf der jeder Mensch die ihm zugedachte Rolle spielt, beherrscht nicht nur das Werk William Shakespeares (man denke z. B. an die Theaterszenen in "Hamlet" und "Ein Sommernachtstraum"). Das Motiv des "Theatrum Mundi" als Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und das dazugehörige "Spiel im Spiel" ist seit seiner Entstehungszeit im Barock immer wiedergekehrt und wie von Dario Fo auch von anderen verwendet worden. Die berühmtesten Werke seinen hier aufgeführt:

- Im "Großen Welttheater" des Spaniers Pedro Calderón de la Barca ("Das Leben ein Traum") erscheint Gott als Regisseur und Zuschauer des menschlichen Lebens, das sich im Angesicht der jenseitigen Wahrheit als eitler Traum entpuppt.

- Als Hinweis auf die existentielle Grundsituation des Menschen, der eine Rolle spielt, die er selber nicht genau kennt, und als Frage, ob Theater überhaupt möglich sei, als Suche nach der Wahrheit zwischen Illusion und Wirklichkeit, kommt es bei Luigi Pirandello ("Sechs Personen suchen einen Autor") vor.

- Peter Weiss verwendet es in seinem Revolutionsstück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats...", in dem der Marquis de Sade den Zuschauern in der Irrenanstalt Charenton eine Aufführung über die Ermordung des Revolutionsführers Jean Paul Marats darbietet, als Mittel, alle Aussagen seiner dialektischen Protagonisten zu relativieren. Bei ihm müßte es heißen: Das Theater ein Irrenhaus.

- Thomas Bernhard führt in "Der Theatermacher" die Lächerlichkeit des künstlerischen Perfektionsanspruchs an einem alten Schmierenprinzipal - dessen größenwahnsinniger Ehrgeiz an den ärmlichen Lebensverhältnissen scheitert, vor.

- Michael Frayn fügt den zahlreichen Varianten des Motiv "Theater auf dem Theater" in seinem Stück "Der nackte Wahnsinn" eine komische hinzu, indem er alle Klischees des Boulevardtheaters anhand einer Vorstellung, die am Eigensinn der Schauspieler scheitert, parodiert.




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Columbus



Diese Meere, diese Himmel
diese unbewegten Weiten um mich.

Schöner Abgrund aus Bläue
in den einst Götter niedergingen, berauscht
Fäuste voll Sternbilder ertränkend
und ruhen aus.

Aber ich
und was der Welt hinzukommt
Ozeane, Gebirge
und vergeht
herrliche Ufer - was gälte dies mehr
als ein Knistern von Teeblätttern in der hohlen Hand.

Erde, ich kann dir nichts geben als ein paar Namen
für Inseln und Steine
und was ich suche
mit wachsendem Hunger
sind Indiens Küsten nicht, noch Spezereien
noch Königsruhm

sondern ist meine eigene Gerechtigkeit
mir vorenthalten
vom Himmel, mag sein
auf verlorenen Kontinenten
in fremder See
unter verfinsterten Windrosen, oder
bis zu einem schnellen Untergang.

Fliege fort, fliege fort mit den Vögeln
und ertränke die Erde
solange sie namenlos ist und gerecht wie das Wasser
in einem Trunk Wein, dessen Neige dir nichts offenbart
als den Grund des Bechers.


Christoph Meckel




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Textnachweise


Columbus: -Lequenne, Michel: Christoph Columbus (Abenteuer Ge- schichte 26). Ravensburger, Meckenbeuren 1991 - Jacob, Ernst Gerhard (Hrsg.): Christoph Columbus (Bordbuch-Briefe-Berichte). Carl Schüne- mann Verlag, Bremen 1956 -Venzke, Andreas: Christoph Kolumbus (roro- ro Monographien). Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck 1992 Dario Fo:-Buhlan, Harald und Leppin, Ralf: Schauspiel (Bibliothek der Meisterwerke). Naumann & Göbel Verlag, Köln -Jens, Walter (Hrsg.): Kindlers Neues Literatur Lexikon (Band 5). Kindler Verlag, München 1989 -Süddeutsche Zeitung 284/9, S. 18 -Theater Heute 3/97, S. 66 -Theater Heute 11/97, S. 1/2 -Der Spiegel 42/97, S. 291 -Die Zeit 50/97, S. 59/60 Fos Theater: -Sucher, C. Bernd: Theaterlexikon (Band 2). DTV, München 1996 -Gronemeyer, Andrea: Theater Schnellkurs. DuMont Buchverlag, Köln 1995 -Völker, Klaus (Hrsg.): Bertelsmann Schauspielführer. Bertels- mann Lexikon Verlag, Gütersloh 1996

Sonstiges: -Poe, Edgar Allan: Der Rabe (Gesammelte Werke Band V). Haffmans Verlag bei Zweittausendeins, Frankfurt a. M. 1994


Impressum

Landestheater Coburg - Intendant Norbert Kleine Borgmann - Spielzeit 1997/98 - Programmheft zu Dario Fos "Isabella, drei Karavellen und ein Scharlatan" - Redaktion und Layout: Steffen Popp - Fotos: Steffen Popp - Druck: DCT Coburg




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